Schule im digitalen Zeitalter

Maria von Jugend hackt im Interview: Wie kann die Schule zu einem Labor der Gesellschaft von morgen werden? Und welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung des Lernens und des Alltags? Um diese Fragen geht es an diesem Wochenende im HKW. ForscherInnen und Initiativen wie Jugend hackt blicken bei der Auftaktkonferenz zu Schools of Tomorrow gemeinsam in die Zukunft und befragen vor allem – na klar – Kinder und Jugendliche selbst, wie sie sich die Schule der Zukunft vorstellen.

Jugend hackt | HIMBEER Magazin

© Jugend hackt, Foto: Leonard Wolf

Auch das Team von Jugend hackt wird bei der Konferenz dabei sein und einen Workshop anbieten, in dem über Zukunftsmodelle gebrainstormt werden kann. Im Jahr 2013 fand die erste Veranstaltung der Initiative statt. Was eigentlich zuerst als Testlauf gedacht war, ob es überhaupt Kinder und Jugendliche in Deutschland gibt, die sich selber als HackerInnen bezeichnen, wurde ein voller Erfolg. Inzwischen gehört Jugend hackt fest zum außerschulischen Angebot dazu. Neben den eigenen Veranstaltungen will das Team auch im HKW gemeinsam mit dem Nachwuchs Ideen sammeln und kreativ werden. HIMBEER hat bei Maria Reimer, der Gründerin der Initiative, schon mal nachgefragt, wo Schule noch verbessert werden soll und warum sie digitaler werden muss.

 

Was ist Jugend hackt genau?
Das Thema von Jugend hackt ist: Wie verknüpfe ich mein eigenes technisches Interesse mit Problemen, die ich in der Gesellschaft sehe. Minderjährige werden nicht so häufig nach ihren gesellschaftlichen Visionen gefragt, und auch nicht danach, diese mit ihren eigenen Fähigkeiten umzusetzen. Die Jugendlichen lernen bei uns nicht primär zu programmieren, sondern das läuft nebenher. Erst mal bringen sie das an Fähigkeiten mit, was sie haben, und es werden ihnen ehrenamtliche MentorInnen an die Seite gestellt. An einem Wochenende wird dann die eigene Projektidee umgesetzt und es entstehen Prototypen. Jugend hackt ist sozusagen eine Initialzündung.

 

Jugend hackt | HIMBEER Magazin

 

'Können' heißt nicht gleich 'machen' – wie schafft ihr da den Sprung?
Wir mussten den Teilnehmenden nicht beibringen, Ideen zur Gesellschaft zu haben. Bei 60 Leuten wurden ungefähr 15 Projektideen am Ende vorgestellt. Der Beitrag der MentorInnen war dabei, den Kindern und Jugendlichen zu Anfang die Angst davor zu nehmen, etwas Eigenes anzupacken und keine gestellte Aufgabe zu erfüllen. Da so heute der Schulunterricht zu großen Teilen funktioniert, ist es ganz normal, dass das erst mal eine Umgewöhnung war.

Aber die Projektion der eigenen Fähigkeiten auf das Anpacken von gesellschaftlichen Themen ging von ganz allein. Zum Beispiel haben zwei Mädchen eine Kartenanwendung gebaut, in der man nachschauen kann, wo sich in München Brunnen mit Trinkwasser befinden. Das, was sie am Rechner können, haben sie verbunden mit einem Problem, über das sie in der realen Welt gestolpert sind, und heraus gekommen ist etwas, das allen hilft.

 

Jugend hackt | HIMBEER Magazin

 

Das HKW geht während der Konferenz auch der Frage nach, was Digitalisierung für das Lernen bedeutet. Wie ist denn der aktuelle Stand der Digitalisierung an Schulen?
Auch wenn jetzt alle Whiteboards anschaffen, heißt das ja nicht, dass dann die Hintergründe von Technologie, der Code sozusagen, verstanden werden. Es müsste viel mehr auch um Medienkompetenz als solche gehen und um das Hacken als eine kreative Tätigkeit. Das ist ja sonst meist negativ konnotiert.

Der ursprüngliche Begriff des Hackens ist ein neugieriger Umgang mit Technik und das, was man daraus gelernt hat, anderen zur Verfügung zu stellen. Zudem fehlt in der Schule das Hinterfragen der Programme: Was tut dieses Programm, gibt es noch andere, die das gleiche können …? Die SchülerInnen bekommen mehr oder weniger eine Microsoft Produktschulung, das Lernen ist also an eine große Firma geknüpft. Nur digitale Produkte in die Schule zu bringen, macht den Unterricht nicht besser. Wenn ich als Lehrer oder Lehrerin nicht begeistert davon bin, kann ich die SchülerInnen auch nicht dafür gewinnen, etwas zu wagen oder Neues zu lernen.

 

Könnten Themen der Medienkompetenz und Informatik auch außerschulisch einen Platz finden?
In Deutschland herrscht Schulpflicht, das heißt die Schule ist der einzige Ort, an dem Kinder aus allen sozialen Lagen zusammen kommen, um die gleichen Inhalte – zwar mit unterschiedlichen Voraussetzungen – zu lernen. Es ist daher wichtig, die Themen in die Schulen zu bringen. Ich bin aber dagegen diese ganze Debatte ausschließlich auf die Schule zu projizieren. In die außerschulische Bildung muss genauso investiert werden, damit die Jugendlichen auch außerhalb die Chance haben, sich mit ihrer Zukunft zu beschäftigen. Jugendclubs und andere Begegnungsräume sind sehr wichtig und sollten auch in ländlichen Gebieten nicht vernachlässigt werden.

Das lineare Konzept „Grundschule, weiterführende Schule, Lehre oder Studium, Beruf“ wird in Zukunft immer mehr aufgebrochen. In der technischen Welt ist das auf jeden Fall schon so. Das heißt wir sollten die Augen nach Möglichkeiten offen halten, wie Kinder und Jugendliche auch außerhalb der verpflichtenden Schule und dem klassischen Bildungsweg glücklich sein können.

 

Jugend hackt | HIMBEER Magazin

 

„Mit Code die Welt verbessern“ – das ist ein Leitgedanke von Jugend hackt: Wie ist eine offene Gesellschaft mit digitaler Technologie verknüpft?
Die Idee ist: Entwickle nicht die nächste Shopping App – oder nicht nur – sondern versuche auch, gesellschaftliche Probleme mit deinen Fähigkeiten zu lösen, zum Beispiel Umweltschutz voranzutreiben, die soziale Spaltung zu verringern, die Wahlbeteiligung zu erhöhen etc.

Dass ich alles Wissen der Welt online nachschlagen kann, das sorgt für eine große Demokratisierung und für eine informiertere Gesellschaft, in der es nicht vom Portemonnaie der Eltern abhängt, wie weit ich komme. Natürlich ist das nicht der einzige Faktor, leider ist es komplizierter als nur Internetzugang zu haben. Aber dieser ist ein Teil davon. Zu einer offenen Gesellschaft gehört natürlich Bildung und sich Hineinversetzen können in die Lebenssituation der anderen. Dafür braucht man Informationen und Wissen und da ist man im Internet, wenn man richtig suchen kann, auf jeden Fall gut bedient.

 

Maria Reimer, Gründerin von Jugend hackt | HIMBEER Magazin

Maria Reimer ist die Gründerin von Jugend hackt. Seit 2012 arbeitet sie bei der Open Knowledge Foundation, die neben Mediale Pfade einer der beiden Trägervereine der Initiative ist.

 

Schools of Tomorrow am HKW | HIMBEER Magazin

Jugend hackt ist auch bei SCHOOLS OF TOMORROW | Auftaktkonferenz 4. bis 6. Mai 2017 | Haus der Kulturen der Welt | John-Foster-Dulles-Allee 10 | 10557 Berlin | Eine Übersicht über das gesamte Programm findet ihr hier.

Interview:
Eva Maria Schneider

Bildnachweise:
© Jugend hackt, Leonard Wolf
© HKW, NODE Berlin Oslo

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