Von Kletterbäumen und Forscher-Balkonen

Meike Lechler von der Naturschutzjugend NAJU im Interview: Mit dem Frühling kommt auch immer die Zeit des Anpflanzens und Gärtnerns. Für Kinder ist es ganz besonders spannend zu sehen, wie Pflanzen wachsen, die sie selbst gesät haben. Ob Balkon oder Garten, es gibt viele tolle Möglichkeiten, Kinder in die Gestaltung mit einzubeziehen. Meike Lechler erklärt uns wie.

NABU | HIMBEER Magazin

© NABU, Franz Fender

Warum sollte ich mein Kind in die Gestaltung des Gartens oder des Balkons mit einbeziehen?
In einem naturnahen Garten oder auf einem Balkon können Kinder mit Erde, Pflanzen, Wasser, Holz und allen möglichen anderen Naturmaterialien experimentieren, sie können Pflanzen und Tiere beobachten, den Wandel der Jahreszeiten unmittelbar miterleben und so eine enge Beziehung zur Natur entwickeln. Kinder haben aber meist eine ganz andere Vorstellung von einem schönen Garten als wir Erwachsene. Deswegen macht es Sinn, Kinder in die Gestaltung des Gartens oder des Balkons einzubeziehen. Auch sie sollen sich ja hier wohlfühlen und den Ort als Erlebnis-, Rückzugs- und Naturraum verstehen. Oft reicht es schon, wenn Kinder ein Stückchen Garten oder einen Balkonkasten bekommen, den sie nach ihrem Geschmack gestalten und verändern können.

 

Welchen Effekt hat das Gärtnern, welche Erfahrungen können dabei gesammelt werden?
Ein klassisches Beispiel: Meine Tochter verabscheut eigentlich fast jedes Gemüse. Die selbstgeernteten Erbsen, Radieschen und Tomaten isst sie aber. Sie hat miterlebt, wie aus dem winzigen Samen, den sie mit Erde bedeckt und gegossen hat, sich ein zarter Keim den Weg ans Licht kämpfte, hat sich über die ersten Blättchen und Blüten gefreut, und sich bei starken Regengüssen um ihre Pflänzchen gesorgt.

Die Kinder entwickeln eine Beziehung zu ihren Pflanzen, sie verstehen, dass grüne Erdbeeren noch nicht schmecken und Kartoffeln unter der Erde heranwachsen – weil sie es hautnah miterleben. Und sie werden dafür belohnt, dass sie sich verantwortungsvoll um ihre Pflanzen kümmern: mit saftigen Erdbeeren, säuerlichen Johannisbeeren und scharfen Radieschen.

Sie können aber auch beobachten, dass Insekten ihre Pflanzen besuchen, sie ärgern sich über Läuse, sammeln Marienkäfer, um sie wieder loszuwerden und lernen so ganz nebenher etwas über das vielfältige Beziehungsgeflecht von Tieren, Pflanzen und Mensch.

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Wie sieht ein kindgerechter Garten aus? Auf was müssen Eltern achten?
Ein kindgerechter Garten ist mehr als eine Spielwiese und ein Sandkasten. Kinder wollen bauen und zerstören, wiederaufbauen und experimentieren. Sie lieben ein vielfältiges Gelände mit freien Räumen zum Toben, Kletterbäumen und -steinen, einem Baum- oder Weidenhaus, Matsch- und Bauzonen, Erdaufschüttungen in Form von kleinen Hügeln, „wilde Ecken“ mit dicht bepflanzten Büschen und Bäumen, in denen sie Höhlen bauen können. Kleinräumige Verstecke bieten zum Beispiel Sträucher wie Weide oder Haselstrauch. Aus den biegsamen Zweigen des Haselstrauches können die Kinder zudem noch Pfeil und Bogen bauen.

Ein Garten sollte aber auch Ruhezonen für die Natur bieten, wie eine kleine Wildblumenwiese oder ein Teich. Hier können Kinder lernen, rücksichtsvoll mit der Natur umzugehen.

 

Welche Baumarten eignen sich am besten zum Klettern und welche Pflanzen können fliegende Bälle ganz gut ab?
Am besten sind natürlich Bäume mit ausladenden Ästen, die tief am Stamm ansetzen. Obstbäume sind meist super Kletterbäume wie Apfel- und Nussbäume, aber auch die Edelkastanie, die Birke, die Hasel und der Ahornbaum. Alte Sorten von Pflaumenbäumen können noch mit kleinen Dornen übersät sein und eignen sich daher nicht so sehr. Manche Bäume wie die Robinie oder manche Weidenarten haben eher brüchiges Holz und sind daher als Kletterbäume nicht so gut geeignet.

 

Bestimmte Pflanzen ziehen bestimmte Tiere an. Was gibt es da zu beachten?
Wer in seinen Garten Tiere locken und beobachten möchte, sollte ihn auf jeden Fall naturnah gestalten und heimische Bäumen, Sträucher, Blumen und Stauden pflanzen. Sie sind für viele Tiere eine wichtige Nahrungsquelle. Im schützenden Dickicht von Holunder oder Weißdorn nisten gerne viele Vögel wie die Heckenbraunelle oder die Nachtigall, am Weißdorn wurden 163 Insektenarten beobachtet! Im Herbst ernähren sich über 60 Vogelarten von den bunten Beeren von Vogelbeere und Schwarzem Holunder.

Aber auch viele Säugetiere wie Mäuse und selbst Fleischfresser wie Fuchs und Marder naschen gerne an den leckeren Früchten. Kleinstrukturen aus Hecken, Sträuchern, Totholz und Steinen machen den Garten zum idealen Lebensraum für Insekten, Amphibien und Igel. Und wer nachts auf der Terrasse noch Fledermäuse beobachten möchte, der sollte nachtblühende, nektarreiche Blütenpflanzen wie die Gemeine Nachtviole anpflanzen. Sie locken durch ihren Duft Nachtfalter an, die viele Fledermäuse zum Fressen gerne haben.

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Haben Pflanzenschutzmittel im kindgerechten Garten etwas zu suchen?
Wer sich entscheidet, einen naturnahen Garten anzulegen, der sollte komplett auf Pestizide verzichten. Mit vergifteten Insekten, Samen und Früchten vergiften sich auch deren Konsumenten. Einfach mal Wildkräuter an einigen Stellen wachsen lassen und Herbstlaub nicht überall wegharken, denn darin lebt vielerlei nahrhaftes Kleingetier.

Die gute Nachricht: Je größer insgesamt die Artenvielfalt im Garten ist, desto geringer ist die Gefahr, dass sich bestimmte von uns Menschen als schädlich empfundene Arten, massenhaft vermehren – und erst dann zu Schädlingen werden. In einem naturnahen Garten sind immer genügend natürliche Gegenspieler vorhanden, die helfen, unerwünschte Tiere zu dezimieren: Igel fressen Nacktschnecken für ihr Leben gerne, Vögel und Schlupfwespen halten gefräßige Raupen in Schach und Marienkäfer verdrücken Unmengen von Blattläusen.

 

Giftige Pflanzen werden meist aus Familiengärten verbannt. Wie empfehlen Sie den Umgang damit?
Ich denke, Kinder können im Garten wunderbar lernen, mit „Gefahren“ der Natur umzugehen. Giftpflanzen aus dem Garten zu verbannen, macht meiner Meinung nach keinen Sinn, weil sie ihnen ja außerhalb des „geschützten“ Raums trotzdem begegnen: im Park, im Wald, in anderen Gärten. Viel wichtiger ist es, den Kindern schon früh beizubringen, dass sie niemals Früchte, Blätter oder Blüten ungefragt essen dürfen. Und ihnen auch zu erklären, warum manche Pflanze Giftstoffe ausbilden, nämlich um sich vor Fraßfeinden zu schützen.

Und selbst wenn das Kind mal eine falsche Beere isst, ist das in den wenigsten Fällen gleich lebensbedrohlich. Denn schnell wird es merken, dass die Beere nicht gut schmeckt und sich nicht an weiteren Früchtchen sattessen.

 

Nicht jeder hat einen ganzen Garten. Wie kann ich den Balkon zu einem Pflanzen-Experimentierort machen?
Wir haben auch keinen Garten, aber immerhin einen Balkon. Ich pflanze mit meiner großen Tochter jedes Jahr Erbsen – unsere Ernte ist beträchtlich. Die Ernte ist immer ein Fest, sie werden direkt aufgefuttert. Unser Johannisbeerstrauch hat letztes Jahr genau vier Früchte getragen. Aber gerade weil es so wenig waren, waren sie die weltbesten Früchte und wurden in einer förmlich heiligen Zeremonie verspeist. Erdbeeren sind ein Selbstläufer und unglaublich pflegeleicht, in einem tiefen Blumenkasten haben wir zudem eine alte lila Kartoffelsorte gepflanzt: es war wie Ostern, die Kartoffeln in der Erde zu suchen und auszubuddeln. Die Knollen waren zwar winzig, hatten aber auch nur eine Kochzeit von sechs Minuten.

Toll ist es auch, sich selber einen Regenwurmkasten zu bauen, ihn mit Erde zu füllen und den fleißigen Würmern bei ihrer Arbeit zuzugucken: So wird man auch gleich einen Teil seiner Obst- und Gemüseabfälle los.

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Welche Obststräucher bieten sich in hiesigen Gärten an? Kann ich auch auf dem Balkon Früchte ernten?
In einem Garten machen sich Himbeer-, Brombeer- und Johannisbeersträucher gut. Sie tragen leckere Früchte und können von Kindern gut geerntet werden. Bei der Brombeere ist allerdings Vorsicht geboten, da viele vor allem alte Sorten Dornen haben. Mittlerweile gibt es zwar immer mehr stachellose Züchtungen zu kaufen, ich empfehle aber trotzdem alte Sorten.

Natürlich können auch auf dem Balkon Früchte geerntet werden: Erdbeeren, Johannisbeeren, Himbeeren, aber auch Exoten wie Heidelbeeren. Es gibt auch kleinwüchsige Züchtungen von Baumobstsorten wie Apfel, Birne und Kirsche. Sie alle brauchen nur große Töpfe und viel Wasser.

 

Wo können Familien in und um Berlin die Natur erleben? Haben Sie Tipps?
Es lohnt sich immer, einen Ausflug zur Blumberger Mühle in Angermünde zu unternehmen. Wunderschön ist es auch am Tegler Fließ. Ich fahre mit meinen Kindern gerne in den Grunewald und laufe dann zum Ökowerk. Wir kommen da direkt mit dem Bus hin. Nachteil: viele, viele andere Berliner auch.

Meike Lechler vom NAJU | HIMBEER Magazin

Meike Lechler ist Leiterin im Kinderbereich bei der Naturschutzjugend (NAJU), dem Jugendverband des NABU. Vielen Dank für das Interview!

Interview:
Eva Maria Schneider

Bildnachweise:
© Franz Fender
© Daniel Sadrwoski
© Meike Lechler
© Iris Rothe
© Björn Bernat

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