Kinder Glauben

"Nachts kommt die Traum-Wolke" Woran Kinder glauben. Mit ihrer Fantasie erobern sich Kinder die Welt: Von Helden mit Superkräften, sprechenden Tieren, Engeln in Schlössern und dem festen Glauben, etwas ganz Besonderes im Leben zu schaffen, damit alle Menschen auf der Erde genug zu Essen haben.

HIMBEER Familienmagazin Titelgeschichte: KINDER GLAUBEN: PAUL, 7 Jahre, glaubt daran, dass der Weihnachtsmann sich von nichts aufhalten lässt. © Stefan Kraul

PAUL, 7 Jahre, glaubt daran, dass der Weihnachtsmann sich von nichts aufhalten lässt. © Stefan Kraul

HIMBEER Familienmagazin Titelgeschichte: KINDER GLAUBEN, Fotos: Stefan Kraul

Annika, 7 Jahre alt, glaubt an die Traumwolke: "Wenn die Kinder nachts schlafen, schwebt die Wolke ins Zimmer und lässt Träume wahr werden." © Stefan Kraul

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Marla, 9 Jahre, glaubt daran, dass man mit Tieren sprechen kann: "Alle Tiere haben ihre Sprache und wenn wir uns länger mit ihnen beschäftigen, können wir sie verstehen." © Stefan Kraul

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Leroy, 12 Jahre, glaubt, dass er die Welt retten kann: "Mit meiner Musik werde ich ganz viel Geld verdienen und damit armen Menschen helfen." © Stefan Kraul

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Zeki, 10 Jahre, glaubt an böse Geister: "In manchen Nächten ist die Schranktür plötzlich aufgesprungen, ich glaube das waren Fabelwesen." © Stefan Kraul

HIMBEER Familienmagazin Titelgeschichte: KINDER GLAUBEN, Fotos: Stefan Kraul

Annik, 6 Jahre, glaubt an Schutzengel, die Haus und Kind beschützen: "In der Schule bin ich fast von einem Klettergerüst gefallen, aber die Engel haben auf mich aufgepasst." © Stefan Kraul

HIMBEER Familienmagazin Titelgeschichte: KINDER GLAUBEN, Fotos: Stefan Kraul

FELIZE, 9 Jahre, glaubt an die Zahnfee: "Die Zahnfee hat Flügel, trägt ein schwarzes Glitzerkleid und hat einen Zauberstab mit einem Stern drauf." © Stefan Kraul

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SAMUEL, 9 Jahre, glaubt, dass er magische Kräfte hat: "Mit dem Lichtschwert kann ich böse Räuber bekämpfen." © Stefan Kraul

Titelgeschichte im HIMBEER Stadtmagazin für Leute mit Kindern
Wenn Samuel (9) auf seinem Bett sitzt, ist er nur äußerlich ruhig. In Gedanken schwelgt er in Abenteuern, wirbelt mit dem Lichtschwert durch die Lüfte, stürmt finsteren Gegnern entgegen, vollführt coole Loopings und kann sogar Karate-Tricks. Er ist sich sicher: In ihm schlummern Superkräfte. „Zu Hause bin ich oft überhaupt nicht auf der Erde, dann höre ich nicht zu und mir passieren gelegentlich Missgeschicke.“ Dummerweise zählt Unverletzlichkeit nicht zu diesen Superkräften. Vor lauter Tagträumerei verbrennt er sich schon mal beim Schokopudding-Kochen die Finger. Doch auch in der „realen Welt“ überrascht er mit überirdischen Kräften: Dann findet er plötzlich Geld im Gebüsch oder wertvolle Steine. „Er ist ein kleiner Magier“, sagt seine Mutter. Samuel könne Wünsche manifestieren. „Einmal wollte er sich Pfeil und Bogen kaufen, und es fehlten ihm 80 Cent. Die hat er dann im Busch gefunden, als er vom Fahrrad gefallen ist. Die Dinge kommen zu ihm.“

Mit seinem Glauben an Übersinnliches und seiner ausgeprägten Fantasie befindet sich Samuel in bester Gesellschaft. Über sie erobern sich Kinder die Welt. Die kindliche Vorstellungskraft spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung des menschlichen Denkens, erklärt Andreas Engel von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. Fantasie sei ein notwendiges Stadium zum rationalen Denken der Erwachsenen – und sie helfe Kindern, die Welt zu begreifen.

Paul glaubt an den Weihnachtsmann, Firuze an die Zahnfee, Annika an die Traumwolke. „Die macht Träume wahr“, erklärt die Siebenjährige mit einem breiten Lächeln. Wenn die Kinder nachts schlafen, schwebe die Wolke ins Zimmer und lasse Träume wahr werden. Vom spontanen Verlangen auf ein leckeres Eis bis zum lang gehegten Wunsch nach einer besten Freundin. Eine strahlend weiße Watte-Wolke, so wie sie sonst am blauen Sommer-Himmel schwebt. „Da springen dann die Träume raus.“ Doch leider hat die Traumwolke sich noch nicht allzu oft über Annikas Bett verirrt. Besser gesagt: Ihr noch deutlich zu wenig Wünsche erfüllt. „Das muss am indianischen Traumfänger liegen, den mir eine Freundin aus dem Urlaub mitgebracht hat“, vermutet Annika. Der soll eigentlich nur die schlechten Träume abhalten – mache seinen Job wohl aber zu gut.

Bei Firuze fliegt jemand anders heimlich ans Bett: die Zahnfee. „Schau mal, der wackelt schon“, sagt sie und verbiegt ihren rechten unteren Eckzahn. Zweimal besuchte die Fee sie bereits für die beiden unteren neuen Vorderzähne. „Sie macht das Fenster auf, schwebt hinein und legt etwas unters Kopfkissen“, ist Firuze überzeugt und stellt sich die Fee mit leuchtend grünem Schimmer vor. „Sie hat Flügel, trägt ein schwarzes Glitzerkleid und hat einen Zauberstab mit einem Stern drauf.“ Während sich die Fünfjährige beim letzten Mal im Bad die Zähne putzte, habe es im Zimmer plötzlich geknistert, erinnert sie sich. Ihre Mutter sitzt daneben und schmunzelt: Die Geschenke der Zahnfee waren nämlich verdächtig vernünftig; eine elektrische Zahnbürste und etwas Geld für eine neue Spielkonsole lagen unterm Kopfkissen. Firuze weiß auch, wo die Zahnfee die gehorteten ‚Beißerchen‘ hinbringt: ins Zahnland. „Da sind überall Berge mit ganz vielen Zähnen.“ Erwachsenen bleibt der Geschenke-Service allerdings versagt. „Für Oma kommt die Zahnfee nicht mehr.“ Das wäre ja auch ungerecht. Denn dann könnte Oma ihr Gebiss jede Nacht unters Kopfkissen legen und Geschenke bekommen. Und das gehe ja wohl nicht.

Feen, Superhelden, Trolle – an solche Fabelwesen glaubt Leroy (12) nicht mehr. Aber daran, dass er die Welt eines Tages verändern wird. Als Klavierspieler, Profi-Basketballer oder Games-Designer will er später so viel Geld verdienen, dass er armen Kindern in Afrika, Lateinamerika oder Asien mit Spenden helfen kann. „Mein Arzt hat gesagt, dass ich mal 1,90 Meter werde. Dann werde ich zwar nicht mehr so gut in die U-Bahn passen, aber bestimmt super Basketball spielen.“ Seit fünf Jahren spielt er ebenfalls Klavier. „Am Klavier bin ich sehr gut, sagen alle.“ Mit dem Geld will er die Landwirtschaft in Entwicklungsländern fördern. „Leroy guckt oft Sendungen, die sich mit dem Thema befassen“, erzählt sein Vater stolz. Leroys Vater ist Kubaner und bei seinen Reisen zu seinen Verwandten hat Leroy Armut mit eigenen Augen gesehen. Die möchte er mit seinem Geld später bekämpfen. Den Menschen vor Ort dabei helfen, selbst mehr Getreide, Mais oder Reis aus ihren kargen Feldern herauszuholen.

Marlas Glauben liegt nicht tausende Kilometer entfernt, sondern direkt vor der Tür, schmiegt sich abends an sie, schnurrt ihr ins Ohr. Die Neunjährige ist überzeugt: Ihr schwarz-weiß gefleckter Kater Kimba kann sprechen. Er sagt nicht nur einfach „Miau“, er geht mit der Stimme hoch und runter, macht richtige Melodien. „Der spricht mit mir. Und dann miaunze ich einfach zurück.“ Und daher ist sie sicher: „Alle Tiere haben ihre Sprache. Löwen brüllen, Kühe muhen. Und wenn wir uns länger mit ihnen beschäftigen, können wir sie verstehen.“

Im vergangenen Jahrhundert konzipierte Jean Piaget das Modell der Denkentwicklung und prägte den Begriff des Egozentrismus. Demnach sieht das Kind zunächst die ganze Welt in Bezug auf sich selbst. „Deshalb belebt es auch Gegenstände und vermenschlicht Tiere“, erklärt der Diplompsychologe Andreas Engel. Besonders stark ist das magische, egozentrische Denken zwischen dem zweiten und siebten Lebensjahr ausgeprägt und verliert sich dann im Schulalter. So zum Beispiel der Glaube ans Christkind, den Osterhasen oder den Weihnachtsmann.

Paul hat das letzte Weihnachtsfest zum ersten Mal nicht bei den Großeltern im verschneiten Österreich verbracht, sondern ist mit seinen Eltern nach Ägypten gereist. Aber kommt da auch der Weihnachtsmann hin? „Der ist doch viel zu warm für 30 Grad angezogen, mit seinen gefütterten Stiefeln und dem dicken Mantel“, meint der Siebenjährige. „Der schwitzt dann doch in der Wüste.“ Seine Mutter konnte ihn beruhigen: Der Weihnachtsmann kommt überall hin. Das leuchtete auch Paul ein. Schließlich hat der Weihnachtsmann nicht nur zahlreiche Wichtel als Helfer, sondern auch einen wendigen, PS-starken Schlitten mit Rentieren im Gespann. Und in der Tat hat ihm der Weihnachtsmann dann tolle Geschenke gebracht – auch nach Ägypten.

Mag der Glaube an den Weihnachtsmann irgendwann verblassen – so manche Vorstellung hält ein Leben lang. Zum Beispiel an gute Geister oder an den Schutzengel. Es soll Erwachsene geben, die nur mit Schutzsteinen ins Flugzeug steigen oder andere, die während der Autofahrt ihren Schutzengel um einen guten Parkplatz vor der Haustür bitten.

„Nee, wirklich?“, fragt Annik (6) und kann mit ihrer Mutter über so einen profanen Wunsch nur lachen. Denn ihre Engel sind zu Höherem berufen und wahre Multitasker: Sie helfen dem Weihnachtsmann beim Geschenke verpacken und passen auf Kinder auf. Mehrere Engel kümmern sich stets um ein Kind, fliegen unsichtbar um das Kind herum oder um das Haus, in dem es sich gerade befindet. „Sie haben Flügel und strahlend weiße Kleider – und einen Heiligenschein“, sagt Annik und steckt sich Gummibärchen in den Mund. „In der Schule bin ich fast von einem Klettergerüst gefallen, aber die Engel haben auf mich aufgepasst.“ Die Engel wohnen in ihrer Vorstellung in einem Schloss über den Wolken.

Doch manchmal wohnen sie in der kindlichen Vorstellung auch unter dem Bett – nicht als gute Engel, sondern als böse Geister. Mit rot funkelnden, schlitzförmigen Augen. Zeki hat sie auf einer Klassenfahrt selbst unterm Bett gesehen. „In anderen Nächten ist die Schranktür plötzlich aufgegangen“, erinnert sich der Zehnjährige und schüttelt sich. „Ich glaube, das sind Fabelwesen, deren Existenz wir uns einfach nicht erklären können.“ So mag er auch nachts nicht durch den Wald gehen, der an das Haus seiner Eltern grenzt, und den er von seinem Fenster aus sehen kann.“ Auch unter seinem Bett im Kinderzimmer sind die roten Augen bereits aufgetaucht. Und auf dem Schulhof erzählten andere Kinder, man könne Geister sehen, wenn man bei Dunkelheit in den Badezimmer-Spiegel schaut, sich dreht und dreimal „Bloody Mary“ ruft.

Da habe seine Mutter lachen müssen: „Warum sollte ein Geist kommen, nur weil du den Namen eines Cocktails rufst?!“ Zusammen mit ihr hat er es ausprobiert. Es kamen keine Geister. Da habe die Mutter genau richtig gehandelt, meint Diplompsychologe Andreas Engel. Wenn Kinder ängste haben, sollten sich Eltern offen und interessiert zeigen. Sein Ratschlag: Das Kind Ernst nehmen, statt die kindlichen Phantasien mit einem überheblichen Lächeln abtun. „Sagen Sie ruhig: „Die bösen Geistern können Dir nichts anhaben. Du bist stark!“ Zekis Mutter sieht den kindlichen Grusel inzwischen gelassen: „Er liest halt Geistergeschichten. Ich vermute einfach einen Hang zum gerne Gruseln.“

Eine Eigenschaft, die sich auch so mancher ins Erwachsenenalter rettet. Und nicht nur das. Wir klopfen auf Holz, sammeln Glücksklee, spielen Lotto – „alles magische Vorstellungen, die entwicklungspsychologisch ihren Platz in der Kindheit haben“, sagt Andreas Engel. „Letztlich bleiben wir unser ganzes Leben ein Stück Kind.“

Text: Jörg Oberwittler, www.oberzeile.de
Alle Zeichnungen stammen von den Kindern selber.
Fotos: Stefan Kraul, www.stefankraul.de, Visagistin: Vera Lindauer, Modelagentur: Lichtkind, www.lichtkind.eu

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