HEIMAT. Deutschland – Deine Gesichter

Der Fotograf Carsten Sander hat ein ungewöhnliches Experiment gewagt. Seine Heimat Deutschland teilt er mit rund 82 Millionen Menschen. 1000 von ihnen hat er fotografiert und ihre Porträts zu einer einmaligen Ausstellung zusammengestellt. Die Bildsammlung mit dem Titel „Heimat. Deutschland – Deine Gesichter“ ist ein beeindruckender Einblick in das vielfältige Antlitz unserer heutigen Gesellschaft. Sowie derjenigen von morgen. HIMBEER zeigt hier eine Auswahl der entstandenen Kinder- und Jugendporträts.

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Wenn wir an die Orte denken, an denen wir zu Hause sind, denken wir eher aus einer ganz persönlichen Perspektive, an unsere liebste Nachbarschaft, das versteckte Häuschen in der Gartenkolonie oder den kleinen Vorort. Hier wohnen wir, arbeiten wir, gehen spazieren, finden unsere Ruhe und treffen Bekannte. Hier ist unser Leben mit all seinen Gerüchen, Erinnerungen und Verbindungen zu Hause, und es ist nicht allein: Ringsherum wohnen, arbeiten und gehen andere Leben spazieren – Nachbarn, Freunde, Fremde.

Es wird gesäumt und durchkreuzt von einem unendlichen Strom von Gesichtern. Immer wieder Haare, Stirnen, Augen, Nasen, Münder, Ohren, Bärte, Wangen, Kinne. Aber genau so wie der Spaziergänger, wenn er anhält und sich umblickt, zwischen den berühmten Bauwerken seiner Heimatstadt vergessene Fassaden, versteckte Hinterhöfe und überwucherte Remisen entdecken kann, so öffnen sich ihm die Gesichter und ihre Persönlichkeiten darin erst, wenn er genau hineinschaut.

Diese seltene Art der Gegenüberstellung hat Carsten Sander mit seiner Ausstellung ermöglicht. Eintausend Gesichter blicken gerade aus den Fotos heraus auf den Betrachter. Es sind Menschen von jeglichem Schlag darunter, jeglichen Alters und Geschlechts, aller möglichen Biografien und mit jeder erdenklichen Physiognomie. Dass sich hier und dort in der immensen Menge der Abgebildeten ein Prominenter versteckt, fällt den wenigsten auf.

Ohne Schminke, in ihren Alltagsklamotten, fern ihres Habitats von Fernsehen, Politik oder Sport sind sie nicht besonderer als jeder andere. Der Politiker neben der Abiturientin, der Musiker neben dem Obdachlosen und der Handwerker neben dem Fernseh-Ikönchen. Man steht vor dieser Menge Menschen, in der jeder einzelne dennoch seinen eigenen Platz besitzt, um als Individuum wahrgenommen zu werden. Es ist beinahe, wie in einem U-Bahnhof zur Hauptverkehrszeit zu stehen und sich von dem Strom der Gesichter, der zufälligen Ausprägung und unvorhersagbaren Vielfalt, umspülen zu lassen – aber mit der verdienten Ruhe, ihnen begegnen zu dürfen.

Genau so wie Sander im Jahre 2008 in den Berliner Straßen stand und fasziniert war. Ringsherum schlang sich das unbekannte Wesen der deutschen Gesellschaft über Plätze und aus den Häusern ihm entgegen, als er inmitten des Mischmaschs der Großstadtbevölkerung stand: Alte, Junge, Exzentriker, Gesetzte, Kaltschnäuzige, Warmherzige, Gesprächige, Stumme und im Hundertfachen immer wieder Exemplare aller menschlichen Eigenschaften. Hier hat sich Sander seitdem einer Frage gewidmet, die viele Leute umtreibt: Was ist das eigentlich für ein Land, in dem wir leben? Er entschied sich, einer Antwort über den offensichtlichsten und unzugänglichsten aller Wege näher zu kommen, über den Menschen, von Angesicht zu Angesicht.

 

„EIN ÜBERGEORDNETE ICH IN DEN MENSCHEN ZU FOTOGRAFIEREN IST VIEL SCHWIERIGER ALS ZU SAGEN: LÄCHEL MAL!"

1000 Menschen aus Deutschland, darunter etwa 200 Kinder, hat Sander an 22 Orten in Deutschland, vom Tegernsee bis nach Aurich in Ostfriesland, von Stuttgart bis Berlin vor seine Kamera gebeten. „Ich wollte so nah wie möglich an ihren wahren Kern heran. Darum ist auf den Bildern alles neutral: der Hintergrund, das Licht, der Ausdruck”, erläutert Sander die biometrisch und beinahe ethnographisch anmutende Pose. „Auf Fotos erscheint der Mensch immer seinem Kontext entsprechend, auf Partys zum Beispiel übertrieben und aufgedreht. Darum ist der Hintergrund bei mir schlichter Canvas.”

Die Leinwand hinter den aufrecht sitzenden Modellen macht die abgebildeten Gesichter mit den gerade herausgerichteten Augen und ihren geschlossenen Mündern beinahe zu anachronistischen Gemälden, denen man sich plötzlich mit demselben neutralen Ausdruck gegenüberstehen fühlt. Beim ersten Betrachten mag diese Neutralität beunruhigen. Sie könnte auch dazu verleiten, fehlendes Lächeln mit Traurigkeit zu verwechseln. Oder mit Distanz. Oder Abwehr. In Angesicht der Fülle und Verschiedenheit der hier aufgereihten Menschen, wird aber bald klar, eben dieser ausdrucksfreie Ausdruck ist das uns verbindende Element.

Man möchte meinen, es ist nicht leicht, sein Gesicht so zu zeigen. Es macht uns angreifbar. Es besteht die Gefahr einer Beurteilung anhand unseres Aussehens. Die Augen seien der Spiegel der Seele, heißt es. Wer möchte die schon preisgeben? An der Form der Nase hängen ganze kulturgeschichtliche Komplexe: Wer kennt nicht die hakennasigen Hexen und Räuber aus den Kinderbüchern? Der Mund spricht unsere Sprache. Und die verrät unseren Charakter, unsere Absichten und unsere Gedanken, geprägt von unserer Herkunft, die uns unsere Eltern schenkten oder aufbürdeten. Und dann ist da noch die Hautfarbe – bei ihrem Anblick verdichtet sich die Konditionierung durch Jahrhunderte von Rassismus und Kolonisation.

Dennoch, die Menschen auf Sanders Bildern sind alle freiwillig gekommen, um ihr Gesicht ablichten zu lassen. Die porträtierten Modelle sprach er an, wo auch immer er ihnen begegnete. In der U-Bahn, in den Straßen, auf den Plätzen. Wahllos. Ohne zu selektieren. Denn es geht ihm um die Unterschiedlosigkeit, die uns alle vereint: „Das ist ein demokratisches Prinzip par excellence.” Es ist ein Prinzip, in dem sich Vorurteile und Stereotypen auflösen, weil sie statistisch untergehen. Wir sind anders unter Gleichen. Und andersherum.

 

„DAS GESICHT DEUTSCHLANDS WIRD SICH DURCH DIE MOMENTANE ZUWANDERUNG NICHT ÄNDREN, DAS MACHT BEI 82 MILLIONEN NICHTS AUS."

Wie vielfältig die heutige deutsche Gesellschaft ist, das sollen die Bilder den Betrachtern zeigen. Dass Deutschland nicht in der Vergangenheit leben muss, dass alte Ängste der Nachkriegsgeneration nichts mit den Jugendlichen des 21. Jahrhunderts zu tun haben, dass Toleranz und Offenheit eine Bedingung für ein kollektives Selbstbewusstsein sind.

Die hier ausgewählten Bilder stellen nur Kinder und Jugendliche zwischen neun und 18 Jahren dar. Das ist ein kleiner Teil des Ganzen, vielleicht aber der wichtigste. Denn wir blicken hier in die Zukunft Deutschlands, in die Gesichter der Gesellschaft von morgen. „Normalerweise werden die Bilder nicht getrennt gezeigt. Gut, dass wir die Kinder aber herausnehmen, denn an denen liegt’s, was aus Deutschland wird”, gibt Sander, der selbst eine 14-jährige Tochter hat, zu verstehen.

Die Arbeit mit ihnen hat Spaß gemacht und den Fotografen überrascht: „Die Kinder waren bei den Shootings die unkompliziertesten von allen. Die Erwachsenen kommen in der Rolle ihrer Biografie, als Künstler, Mutter, Clown und verhalten sich. Die Kinder setzen sich einfach hin und schauen einen an wie Buddha.” Sander hat bei den Aufnahmen keine Animationen und keine Witze gemacht, um keine falsche Heiterkeit auszulösen. Er arbeitete schnell, sachlich und ruhig. Die Kinder haben diese Energie sofort aufgenommen. „Ein wahrhaftiger Moment”, wie er es nennt.

 

„DIE KINDER SOLLTE MAN NICHT VERRÜCKT MACHEN. DIE MACHEN DAS GANZ ALLEINE RICHTIG"

Denn es ist die Unvoreingenommenheit in den Bildern, die uns als etwas Unbegreifliches die Hand reicht. Sander bestätigt aus eigener Erfahrung, wie Kinder an der Fremdheit eher die positiven Seiten sehen: „Die finden das spannend, wenn die Klassenkameradin eine japanische Mutter hat, auch wenn die vielleicht ein bisschen strenger ist, als sie es gewohnt sind. Kinder interessieren sich, woher jemand kommt. Das ist genau, was unsere Kultur voranbringt.” Bei seiner Tochter hat er sich daher stets für eine liberale, weltoffene und das Selbstvertrauen stärkende Erziehung eingesetzt. Vorurteile aufgrund der Herkunft sind ihr nicht bekannt: „Ihre Schulfreunde haben Wurzeln in Albanien, Schwarzafrika, Tschechien und und und.” Eine Menge der Kinder aus ihrer Schule sind zum Fototermin in Düsseldorf erschienen.

Der in den Bildern verkörperten Vision folgt auch ein Aufruf. Herkunft, Religion und Hautfarbe werden besonders heute, in den drängenden Fragen zur Flüchtlingskrise in Europa, zu populistischen Argumenten gemünzt. Die anhaltende Zuwanderung wird unser Land dauerhaft verändern. Aber die Gesichter, in die wir in der Ausstellung blicken, erinnern uns daran, dass wir bereits heute und schon seit langer Zeit in einem Land leben, das alles andere als aus einem Guss ist. Wenn man so will, liegt in dieser Vielfalt die große Chance für kommende Veränderungen.

Toleranz ist und bleibt aber die Grundvoraussetzung, dieses Potential wahrzunehmen. Heimat ist, was die Menschen daraus machen. Heimat – mit dem Wort, das bei vielen Menschen in Deutschland gemischte Gefühle hervorruft, ist Sanders Ausstellung betitelt. Sander findet den unangenehmen Beigeschmack des Wortes unangemessen: „Deutschland ist meine Heimat. Alle dürfen über ihre Heimat reden, warum nicht wir? Ich kann stolz darauf sein, weil wir zum Beispiel gastfreundlich und gesellig sind. Der Fehler ist unsere Vergangenheit”, weiß der Fotograf, „aber darum ist das ja nicht das endgültige Merkmal unserer Identität.”

In einem begleitenden Katalog wurde eine Auswahl der Fotografierten um eine Definition des bekanntlicherweise schwer zu erklärenden Begriffs Heimat gebeten. Für den einen sind es die alten Freunde, für den anderen der Kartoffelsalat wie bei Muttern, die Kühe auf der Wiese hinterm Haus oder abstrakte kulturelle Werte. Eine Antwort auf die Frage „Was ist Heimat?” scheint den Zusatz „Für mich“ notwendig zu machen, denn Heimat ist so einmalig wie die Menschen, die ihr angehören. Heimat ist eine Summe von persönlichen Erfahrungen, Heimat ist ein Gefühl, Heimat ist eine Sehnsucht oder eine Sicherheit. Heimat liegt in der Sprache der Mutter oder im Geruch des Hausflurs, Heimat liegt in den bleibenden Kindheitserinnerungen oder in den bewussten Entscheidungen für die Zukunft.

„Meine Heimat ist Neuss, die Gegend, aus der ich komme, das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Ein Riesengarten mit alter Pumpe und Kirschbaum”, spricht Sander. Und er erinnert daran, dass diejenigen Menschen, die auf der Flucht in Deutschland ankommen, darunter viele unbegleitete Minderjährige, aus verschiedensten Gründen ihre Heimat aufgegeben mussten. Sie versuchen nun, fern von Muttersprache und Gewohnheiten, fern vertrauter Gerüche und gemeinschaftlicher Geborgenheit Fuß zu fassen. Im besten Falle können sie Deutschland zu ihrer Heimat machen. Denn Heimat ist kein starres Ding: Es kann wachsen, sich verändern, sich anpassen und lernen. Die Erinnerung an zurückgelassene und vielleicht für immer verlorene Orte und Freuden ist diesen Menschen nicht zu ersetzen. Aber ihnen Freundschaft anzubieten, eine gemeinsame Sprache beizubringen und ihre und damit unsere eigene Zukunft mitzugestalten, das liegt in unseren Möglichkeiten.

Diese Konsequenz leuchtet dem Betrachter von „HEIMAT. Deutschland – Deine Gesichter“ ein. Heimat sind schließlich auch die Gesichter, zwischen die sich das eigene einfügt. Wer aber tatsächlich Aug in Aug mit den lebensgroßen Porträts steht, mag ins Grübeln geraten. Nach wie vor regieren Vorurteile unsere Wahrnehmung von Menschen. Und jeder, der in stiller Betrachtung vor den verschiedenen Gesichtern steht, dem geht auf, dass wir lange noch nicht frei davon sind, Menschen nach ihren äußeren Merkmalen und Attributen zu beurteilen. Zu oft überdecken Hautfarbe, Kleidung oder Haarschnitt bei jeder ersten Begegnung die Aufmerksamkeit auf den innewohnenden Charakter eines Menschen.

Bei all unserem humanistischen Grundverständnis und der erlernten Toleranz liegen die Ursachen für die gesellschaftliche Spaltung vielleicht noch zu oft in der oberflächlichen Beurteilung unserer Gegenüber. Sander greift zu einem Beispiel: „Ich habe Leute in der Ausstellung beobachtet, die sich über Gesichter lustig machten. Die haben gesagt: Wie unsympathisch der guckt! – Was ist dabei, habe ich gefragt, der guckt halt so!” Andere Betrachter fühlen sich wohlmöglich selbst beobachtet durch die ruhenden und eigentlich handreichenden Blicke der Porträts. Man mag an sich selbst den Makel spüren, die Abweichung und das Fremde, das einen von der Masse unterscheidet und mit ihr vereint. Für Vorurteile bleibt dazwischen kein Platz. Denn auch wenn der Betrachter im ersten Moment von der Menge der auf ihn gerichteten Augenpaare überfordert sein mag, gelingt es ihm alsbald, in jedem einzelnen Gesicht das Schöne und das Besondere eines jeden zu entdecken. Und das trägt er auch in sich.

 

„DIE FLÜCHTLINGSGESCHICHTE IST FÜR DEUTSCHLAND UND SEIN SELBSTVERTRAUEN EINE RIESENCHANCE"

Sander wünscht sich, dass sich alle, die zur Zeit ihre Sorgen um die Zukunft Deutschlands mit Angst oder Hass verwechseln, an Parallelen aus der jüngsten Vergangenheit erinnern: „Die Flüchtlingsgeschichte ist für Deutschland und sein Selbstvertrauen eine Riesenchance. Das letzte Mal gab es das nach dem Krieg, wir waren ein Kollektiv, mussten anpacken und aufbauen.“ Auch heute entscheidet sich die Zukunft unserer Gesellschaft ganz wesentlich in der Grundposition, die wir unseren Mitmenschen gegenüber einnehmen. Dazu zählen unsere Nächsten und Liebsten, aber auch die Nachbarskinder, die Passanten im U-Bahnhof und fortan auch Geflüchtete – Menschen, die ihre Heimat verloren haben und in einem Land angekommen sind, das nun die einmalige Möglichkeit hat, ihnen sein wahres Gesicht zu zeigen.

Wer den Gesichtern Deutschlands selbst gegenübertreten möchte, kann dies bald in Mönchengladbach, Essen, Münster und Neuss tun. Der mit dem ADC-Design-Award und dem German Design Award 2015 ausgezeichnete Katalog und eine Menge Gesichter stehen zum Einblick auf der Webseite: www.deutschlanddeinegesichter.de

Fotos: Carsten Sander, Text: Adrian Grunert

Noch mehr als der hier gezeigten Bilder findet ihr in unserer Ausgabe Dezember 2015-Januar 2016.

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