Auszeit auf der Alp

Arbeiten statt Urlaub? Ohne Fernseher, Computer, Handyempfang? Mit Kindern? Dass dies eine großartige Idee sein kann, hat unsere Fotografin und Autorin Sibylle Baier erlebt, als sie gemeinsam mit Mann und Kindern Freunde auf der Engstlen Alp besuchte. Bei Renate, Gregor, Alan (8 Jahre) und den Zwillingen Josefa und Cecilia (13 Jahre) sind es die Kinder, die dafür sorgen, dass die Familie nicht zum letzten Mal den Sommer arbeitend auf der Schweizer Alp verbringt.

Titelgeschichte: Auszeit auf der Alp

© Sibylle Baier

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Titelgeschichte: Auszeit auf der Alp

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Titelgeschichte: Auszeit auf der Alp

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Titelgeschichte: Auszeit auf der Alp

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Titelgeschichte: Auszeit auf der Alp

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Titelgeschichte: Auszeit auf der Alp

© Sibylle Baier

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© Sibylle Baier

Die erste Nacht auf der Engstlen Alp im Berner Oberland ist kurz. Ein beständiges Läuten, Klingeln und Bimmeln erfüllt die Luft. Gegen Morgen werden die Glocken, Trycheln und Schellen leiser und bimmeln beinahe versöhnlich und weit entfernt, als wollten sie sich für die Störung in der Nacht entschuldigen. Iris, Betty, Priola, Flurina, und wie sie alle heißen, sind weiter gezogen, hinauf zu den bunt getupften Bergweiden, mit den Alpenblumen und den duftenden Wildkräutern.

Sieht so das ruhige Leben im Einklang mit der Natur aus? Warum tauschen Großstädter ihr komfortables Leben, eine große Auswahl an guten Restaurants, Kinos, Theater, Bars, gegen eine Kuhweide ein? Wir besuchen Freunde, die auf der Engstlen Alp für drei Monate eine Sennerei bewirtschaften. Ihr Tag beginnt morgens um 4:00 Uhr. Die Milchkühe werden von ihrer Nachtweide in die Ställe getrieben, um sie dort das erste Mal am Tag zu melken. Die Alp liegt auf 1800 Meter Höhe, umgeben von Sommerweiden und den verschiedenen Hausbergen, wie dem Graustock, Wendenstöcke und Titlis.

Im Juni werden die Kühe beim Almauftrieb gemeinsam in ihr Sommercamp gebracht und nach drei Monaten, wenn die Wiesen ordentlich abgegrast sind, kommen sie satt wieder ins Tal zu ihren verschiedenen Besitzern zurück. Auf der Engstlen Alp werden in diesem Sommer 180 Kühe von fünf verschiedenen Sennereien versorgt. In diesem Jahr tragen Gregor, Renate, die Zwillinge Josefa und Cecilia und der kleine Bruder Alan, die Verantwortung für 21 wunderschöne, braune Milchkühe.

Das Braunvieh, wie die ursprüngliche Schwyzer Rasse genannt wird, ist eine typisch alpenländische Milchkuh. Eine neuere und weit verbreitete Rasse ist die Brown-Suisse, die wegen ihrer besseren Milchleistung bevorzugt wird. Ihren englischen Namen verdankt sie Schweizer Pionieren, die vor über hundert Jahren die Kühe in die USA exportiert haben, um dort eine erste Population an Braunvieh aufzubauen. Über Einkreuzungen kamen sie wieder in die Schweiz zurück und sind heute oft beliebter als ihre Vorgänger.

In diesem Sommer bringt die beste Kuh im Stall 32 Liter pro Tag. Wir lernen außerdem, dass es Einfach- und Doppelnutzen gibt. Einfachnutzen als Milchkuh und Doppelnutzen durch die zusätzliche Fleischgewinnung. Und wenn die Kuh stierisch wird, dann besucht sie nicht den schönsten Stier der Alp in seinem Stall, sondern der Köfferli Muli wird angerufen. Der Besamer mit den langen Plastikhandschuhen besucht die Kuhdamen mit seinem Köfferchen im Stall. Dieser Pragmatismus ist weit entfernt von unserer romantischen Heidi-Vorstellung, die wir in den Schweizer Alpen erwarten.

 

35 Kilo Kind bugsieren 800 Kilo Tier.
Doch zurück in den Stall, denn die Euter der 21 Kühe sind voll und müssen gemolken werden. Zitzen reinigen, stimulieren, die Melkmaschinen ansetzen und die große Pumpe in Betrieb setzen. Die Milch fließt in regelmäßigen Strömen in die großen Milchkannen. Wichtig ist dabei die regelmäßige Pflege der Zitzen. Mit einer Art Holzwolle wird der grobe Schmutz abgerieben und dann mit einer Desinfektionslösung von Bakterien befreit. Bei Verletzungen muss die entsprechende Zitze gut versorgt werden, denn wenn sich das Euter entzündet, wird die Milch durch Bakterien kontaminiert und kann nicht mehr zur Käsegewinnung genutzt werden. Die Milch wird anschließend gefiltert, in Kannen gesammelt, gekühlt und zur Käserei gebracht. Dort wird daraus ein köstlicher, rahmiger Käse, den sie hier Mutschli nennen, gemacht. Im nächsten und übernächsten Jahr kann man ihn als gut gereiften Bergkäse kaufen.

Alles, was sich so nüchtern und technisch anhört, ist natürlich verbunden mit Gerüchen. Die großen warmen Körper der Kühe, die breiigen Fladen die immer und überall hin gekackt werden, an den Beinen entlang schmieren und mit dem Schwanz großzügig verteilt werden. Die warme, süßliche und sehr fettige Kuhmilch, gemischt mit dem typischen Stallgeruch.

Unsere Freunde verbringen zum dritten Mal einen Sommer auf der Alp. Man könnte sagen, sie sind schon fast alte Hasen. Mit ihren braun gebrannten Gesichtern, den verschlissenen, groben Armeeklamotten, die sie im Stall tragen, und irgendwelchen Kappen auf ihren Köpfen unterscheiden sie sich optisch nicht mehr von den anderen Milchbauern, die hier oben arbeiten und leben. Die Hände verändern sich, werden breiter und kräftiger von der täglichen Arbeit. Melken, Zäune setzen, Kühe zusammen treiben, die großen Milchkannen schleppen.

Aber auch der Rhythmus wird anders. Ruhiger, ausgeglichener, trotz der körperlichen Belastung, die jeden Tag auf einen wartet. Das Leben auf der Alp regelt sich nicht durch Wochentage. Es gibt keine Wochenenden, keine freien Tage oder langes Ausschlafen. Der Rhythmus wird durch die Zeit vor und nach dem Melken bestimmt, und diese wird festgelegt durch den Sonnenaufgang und -untergang. Während die Kühe auf der Weide stehen und fressen, ist Platz für alles andere. Lange Spaziergänge und Wanderungen, Vögel beobachten, Kälbchen füttern, Kräuter sammeln, in eiskalten Gumpen baden, nichts tun. Ein Tag in der Woche gehört der Zivilisation: Einkaufen, Vorräte auffüllen, mal nach Bern fahren, in die Stadt. Das Leben ist einfach und doch reich.

 

Der Tag beginnt um 4:00 Uhr.
Für die drei mitgereisten Kinder beginnt der Tag natürlich nicht um 4:00 Uhr in der Frühe. Die drei ignorieren die Milchpumpe, die unter ihren Betten oben im Giebel des Holzhauses brummt, und schlafen so lange, wie man eben nur in den Sommerferien schlafen kann. Die ganze Alp ist eine große Spielwiese, der Bewegungsradius ist erstaunlich. Jeder hat seine Aufgaben und kleinen und großen Pflichten. Die mitgereisten Berliner Haustiere wollen versorgt werden. Vor allem die Häsin Mariechen und ihre neugeborenen Jungen brauchen Fürsorge und Aufmerksamkeit. Solange die Kleinen die Augen noch geschlossen haben, bleiben sie im Stall, doch wenn sie anfangen, die umliegenden Wiesen zu erkunden, sind sie natürlich auch für den einen oder anderen Raubvogel interessant. Die Hühner, die zum Haus gehören, brauchen regelmäßig ihr Futter. Das kranke schwarze Huhn will gepflegt werden, die Eier im Brutkasten darf keiner vergessen zu wenden, das Kälbchen wartet ungeduldig auf seine Milch und seine Spielkameraden. Die beiden 13-jährigen Mädchen helfen aber auch gerne, die Kühe aus dem Stall auf die Weiden zu bringen und vor allem den umgekehrten Weg, sie wieder einzufangen.

Mit einer Leichtigkeit werden 800 Kilo Tier von einem 35 Kilo Kind und einem kleinen Stöckchen, gegen alle tierische Bockigkeit zurück in den Stall bugsiert. Da bleibt man als Städter nur mit einem großen Staunen im Gesicht zurück. Als Familie ist die Zeit auf einer Alp natürlich eine Herausforderung. Es ist nicht immer sonnig, die Kühe haben zwar ein freundliches Wesen, doch außer den Kühen gibt es auch noch andere Senner und verschiedene tägliche Absprachen, die zu treffen sind. Die Saisonarbeit der Alpensennerei in der Schweiz ist traditionsreich und gut organisiert. Stellen werden zum Beispiel über die Internetseite „Z’Alp“ kommuniziert, es gibt einen Senn, einen Zusenn, Hirten und Hilfskräfte und dadurch ist schon die Hierarchie geklärt.

Wo man als deutscher Sommergast, der kein Wort Schwyzerdeutsch versteht, seine Position findet, wird die gemeinsame Zeit zeigen. Es muss beschlossen werden, auf welche Weiden die Kühe kommen. Wann und wie lange bestimmte Weiden genutzt werden, und warum manche Weiden vermeintlich besser sind als andere. Wie überall sind Meinungen und die dazugehörige Überzeugung nicht immer konstruktiv und die Älpler auch ein eigener Menschenschlag. Doch es wäre nicht die Schweiz, wenn für Notfälle nicht gesorgt wäre. Zur Schlichtung kann jederzeit eine Art Alpvorstand befragt werden, der dann den Zwist klärt.

 

Kuhweide statt Theater, Kino, Restaurants.
Wenn man nicht auf Weiden bergauf und bergab läuft, ist das Zentrum des Lebens die Sennhütte. Ein Haus aus Holz, mit grauen Schindeln gedeckt, zwei Drittel Stall, ein Drittel Wohn- und Arbeitsräume. Die Toilette ist ein Plumpsklo am Stall über der Gülle der Kühe. Die Küche ist gleichzeitig Wohn- und Schlafzimmer, im Dachboden gibt es zusätzlich zwei kleine Kammern zum Schlafen. Gewaschen wird an einem großen Becken, in dem auch die Milchpumpen und Kannen gereinigt werden. Man muss sich gut verstehen oder klare Regeln haben.

 

Wer meckert, geht raus.
Auf meine Frage nach schlechtem Wetter, Langeweile, mieser Laune und keinem Fernseher, lachen die Kinder nur. Wer meckert, geht raus. Für den Individualismus gibt es die umliegenden Berge, bis hoch zur Eiger Nordwand. Der Rest bewegt sich unter dem Motto Gemeinschaft und Rücksichtnahme, miteinander und nicht gegeneinander. Die Belohnung ist, wenn man es mag, jeden Tag frische Luft zu atmen, in die schönsten, tiefsten Kuhaugen mit den längsten Wimpern zu sehen, die Berge und bunte, duftende Wiesen zum Wandern, Waldbeeren und frisch gerahmten Käse zu essen, das Alpenglühen zu sehen und trotz aller Arbeit Zeit zu haben. Es stellt sich keine Sinnfrage, denn die Arbeit ist selbsterklärend und sinnstiftend.

Am Ende der drei Monate wird man für die geleistete Arbeit auch noch in Schweizer Fränkli entlohnt und macht sich mit einem großen Laib Käse auf den Rückweg. Bei unserer Bergfamilie bin ich mir sicher, dass sie immer wieder z’Alp fahren werden. Für uns Besucher war es eine wunderschöne, unvergleichliche Erfahrung. Wir sind mit neuen Impulsen und großem Respekt vor der Leistung unserer Gastgeber weitergereist. Begleitet vom Gebimmel des Braunviehs, kam in einer Kurve hinab ins Häslital von der Rückbank ein tiefer Seufzer: „Ach, wie schön doch so ein einfaches Leben sein kann.

Alle Infos findet man auf z‘Alp, www.zalp.ch.

 

Renate, Gregor, Alan und Josefa im Interview über ihre Auszeiten auf der Engstlen Alp: 

Wohin fahrt ihr dieses Jahr in den Urlaub?
Renate: Auf die Alp!

Weil es euch so gut gefallen hat?
Renate: Ja, auf jeden Fall. Der Hauptgrund sind allerdings die Kinder, die treiben uns am allermeisten an. Die drei wollen unbedingt wieder in die Berge. Wir mussten im letzten Jahr schon versprechen, dass wir diesen Sommer wieder kommen.
Gregor: Vor allem wollten sie wieder auf die gleiche Alp. Wir hatten ja schon ein anderes Angebot eingeholt, um eine neue Alm kennenzulernen. Schließlich besuchen wir die Engstlen Alp in diesem Jahr zum sechsten Mal. Da muss man schon Kind sein, dass man das richtig schätzt (lacht)!

Warum wollt ihr Kinder unbedingt auf diese Alp?
Josefa: Weil es diese Alp ist, weil es da einen See gibt, weil es da so schön ist und weil da die Kühe sind, die wir kennen!

Sind wieder dieselben Kühe da wie im letzten Jahr?
Josefa: Ein paar sind wieder dabei. Wir waren aber auch schon mal in einer anderen Hütte, und die Kühe kennen wir ja auch. Und dann gibt es eine Kuh, die ist immer dabei und die kennen wir jetzt schon seit sechs Jahren.

Und kommt Betty, euer Kälbchen aus dem letzten Jahr, auch?
Josefa: Nein, leider nicht. Der Bauer, dem sie gehört, hat eine Jungviehzucht und da kommt sie diesen Sommer hin.

Im letzten Jahr wart ihr drei Monate auf der Alp. Dieses Jahr sind es „nur“ sechs Wochen. Warum?
Gregor: Die Mädchen sind jetzt in der neunten Klasse, da wird es immer schwieriger, sie für so einen langen Zeitraum freizustellen. Außerdem wollte ich eigentlich auf eine andere Alp, deswegen war meine Bedingung für dieses Jahr, nur während der sechs Wochen Sommerferien zu gehen. Im letzten Jahr war ich die letzten sechs Wochen alleine oben und das war schon hart. Da war ich auch einsam, da ging es ums Durchhalten.

Worauf freut ihr euch in diesem Jahr am meisten?
Renate: Ich freue mich am meisten auf das Frühstück am Morgen, nach dem Melken, draußen sitzen, den frischen Käse zu essen, das Panorama und die frische Luft zu genießen. Ganz gemütlich frühstücken!
Gregor: Das ist auf jeden Fall ein Highlight! Überhaupt die ganze Umgebung ist so schön. Mir fällt das Aufstehen nicht so schwer und ich finde es gerade früh morgens besonders schön. Und die Rituale mag ich gerne. Der Tag ist sehr strukturiert. Erst das Frühstück und dann um drei trifft man sich noch mal auf einen Tee und Kekse, bevor es dann wieder losgeht, die Kühe zu melken und auf die Weide zu bringen. Am Abend sitzt man noch zusammen. Das ist schön.
Renate: Ja, die Stimmungen sind schön, das Licht am Abend, das Alpenglühen, das ist wahnsinnig schön! Worauf ich mich auch freue, sind die ganzen Blumen! Jetzt weiß ich schon, an welchen Stellen ich welche Blumen und Kräuter finde. Frischer Enzian, die Kuhschelle und Arnica.
Josefa: Ich freue mich auch auf den See, wenn man darin baden kann. Es ist zwar kalt, aber es macht trotzdem Spaß.
Renate: Und die Heidelbeeren! Die sind auch immer toll da oben.

Wie seid ihr denn das erste Mal überhaupt auf die Idee gekommen, einen Sommer auf einer Alp, in einer Almhütte zu verbringen?
Gregor: Davon haben wir durch Freunde erfahren, die selbst eine Alm bewirtschaftet haben. Und bei Renate hat es sofort geklingelt, weil sie in ihrer Jugend schon zweimal einen Sommer auf einer Alm verbracht hat.
Renate: Ja, mit 23 war ich das erste Mal zusammen mit einer Freundin auf einer Alp. Ich fand die Idee so toll und wollte das ausprobieren. Wir haben dann drei Wochen lang einer Familie geholfen, die Alm zu bewirtschaften. Das war im Vorarlberg. Im darauf folgenden Jahr haben wir Zwei das dann alleine gemacht. Wir hatten nur vierzehn Kühe, das heißt, wir haben uns eine Stelle geteilt. Das war entspannt.

Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um eine Alm zu bewirtschaften? Kann das jeder machen?
Gregor: Man muss körperlich fit sein. Unbedingt! Auch mental, (lacht) gerade, wenn man neu einsteigt, muss man viel lernen.
Renate: Man muss etwas aushalten können. Man muss wirklich arbeiten und braucht Muskelkraft, allein um die schweren Milchkannen zu schleppen. Körperlich anstrengend arbeiten, bei jedem Wetter, das muss man durchhalten können. Ich denke das Melken kann man dort lernen, aber es ist sicher gut, wenn man davor schon etwas mit Tieren zu tun hatte. Wenn man sich in der Landwirtschaft auskennt, das hilft und das bevorzugen auch die Bauern, die die Stellen vergeben.

Wie geht man mit der Verantwortung um?
Renate: Als wir zum ersten Mal dreißig Kühe im Stall stehen hatten, da dachte ich mir auch, hoffentlich haben wir uns nicht übernommen. Aber man lernt und wächst an der Aufgabe.
Gregor: Im zweiten Jahr waren wir auch längst nicht so erschöpft. Wir wussten, was auf uns zukommt und waren körperlich auch belastbarer. Es ist aber auch sehr schön, diese Ruhe zu spüren, die auf körperliche Arbeit folgt. Und man ist sehr fit, wenn man wiederkommt!

Wenn man keinerlei Vorerfahrung hat, aber trotzdem gerne auf einer Alp arbeiten möchte, kann man dann Kurse besuchen? Gibt es so etwas auch über Z’Alp?
Renate: Ja, es gibt Käserei- und Sennkurse. Man kann als Helfer mit einer Familie oder einer Gruppe erfahrener Senner auf eine Alm gehen. Man kann auch erst mal als Haushaltshilfe mitgehen.
Gregor: Eine Stelle als Familie zu finden, ist nicht so leicht. Eigentlich ist es so gedacht, dass man sich meldet und dann in einem Team arbeitet, das man erst vor Ort kennenlernt. Das ist dann ein fünf- oder sechsköpfige Gruppe und jeder hat seinen festen Posten.

Gibt es denn auch etwas, das euch nicht gefällt, da oben?
Renate: Was ich manchmal nicht mag, ist das frühe Aufstehen. Und wenn wir zurück sind, freue ich mich, wieder etwas mehr Komfort zu haben. Jederzeit die Dusche benutzen zu können, das finde ich dann auch wieder gut.
Gregor: Wobei ich nicht finde, dass einem das auf der Alp fehlt. Man freut sich wieder, wenn man es hat, aber man vermisst es nicht wirklich. Was ich wirklich schöner fände, wenn die Menschen mit denen man es da oben zu tun hat, kollegialer wären. Die Schweizer behandeln die Deutschen so, wie Polen oft in Deutschland behandelt werden. Man wird nicht gemocht, nicht respektiert und wenn sich die Gelegenheit bietet und man etwas verpasst, wird man auch sofort außen vor gelassen. Trotz der sechs Jahre die wir jetzt schon dort sind. Das hat mich letztes Jahr schon gestört. Deswegen wäre ich gerne in diesem Jahr mal nach Österreich, das ist ein anderer Schlag Menschen.

Und fühlt ihr euch nie einsam?
Alle: Nö! (lachen)
Josefa: Es gibt doch die Kühe und wir sind ja zu fünft, dann kommt manchmal Besuch. Das ist nie einsam.

Gibt es dort andere Kinder, mit denen ihr euch anfreundet?
(Alle lachen) Gregor: Das sind die ersten, denen sie aus dem Weg gehen.
Josefa: Ja, die wollen immer „Fangi“ mit uns spielen, dazu haben wir keine Lust.

Versteht ihr denn Schwyzerdütsch?
Josefa: Ja, das geht schon.
Renate:
Die bemühen sich auch sehr, wenn sie mit uns sprechen. Wenn sie untereinander sprechen, verstehen wir nämlich nichts.

Fernseher, Computerspiele, Telefon? Ist das ein Thema?
Renate: Nein, eigentlich nicht. Wir lesen mehr, abends liest einer vor und wir machen viele Spiele. Man ist auch wirklich anders müde vom Tag und schläft dann so gut und ruhig da oben.

Fotos, Text und Interview: Sibylle Baier

 

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