Und jetzt alle!

BERLINER STADTGESTALTEN Bei "Staats- und Domchor Berlin" denkt man eigentlich nicht gleich an eine Horde wilder Jungs, die mit einem Riesenspaß zusammen singen. Genau das ist uns dort allerdings begegnet. Talentierte Jungs erhalten dort umsonst eine professionelle Gesangsausbildung - und eine Menge Freunde noch dazu.

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© Alexander Zöring

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© Barbara Mut

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© Roman Müllers

Die laue Frühlingsluft sorgt dafür, dass an diesem Tag die Fenster des Probenraums in der Universität der Künste offen stehen. Schon draußen auf dem Vorplatz sind die hellen Stimmen zu hören, die sich in Tonfolgen und Stimmübungen versuchen. Bei der Nachwuchsprobe des Staats- und Domchores Berlin schart sich eine Gruppe von sechs- bis achtjährigen Jungen um Chorleiter Prof. Kai Uwe Jirka, der die kleinen Sänger zu Beginn der Stunde erst einmal einstimmt. Nach den Aufwärmübungen geht es dann richtig los. Das „Lied vom Kapitän“ stößt sofort bei allen auf Begeisterung, so dass es keinen mehr auf den Stühlen hält. Der ganze Raum wird beim Singen mit Klavierbegleitung bespielt und alle Kinder gehen gemeinsam auf Schiffsreise.

Nach der aufregenden Fahrt gibt es erst einmal ein kleines Quiz. „So, wer  von euch kann mir denn sagen, wieviele F mein Klavier Herr Pfeiffer hat?“, will Kai Uwe Jirka wissen. Laut denken alle gemeinsam über Oktaven und Klaviertasten nach. Dass am Ende nur der Name des Klaviers gemeint war, stört die Kinder nicht. Auch ein bisschen Musiktheorie wird hier schon spielerisch erkundet. „Heute lernen wir ein neues Wort, es heißt Forte und bedeutet stark.“ Damit weiß Gianluca (7) etwas anzufangen. „Mein Opa ist 80 und immer noch stark!“ Nach der Theorie geht es wieder ans Praktische, denn schon wird das israelische Lied „Shalom“ als Kanon angestimmt. Dabei muss jede Gruppe auf die andere hören, um harmonisch miteinander zu klingen. „Das Singen im Chor schult auch das Sozialverhalten“, erzählt Kai Uwe Jirka.

Der studierte Kirchenmusiker und Dirigent leitet seit zehn Jahren den konfessionell ungebundenen Staats- und Domchor Berlin, in dem er Jungen ab fünf Jahren bis ins Erwachsenenalter in verschiedenen Gruppen zu den Konzertsängern von morgen ausbildet. Schon die kleineren Chorsänger bekommen hier Gelegenheit, bei großen Konzerten und Auftritten ihr Können zu zeigen, auch im Ausland ist der renommierte Chor häufig zu Gast. Die umfangreiche Ausbildung ist kostenlos, sogar professionelle Stimmbildung im Einzelunterricht ist Teil davon. Während der Chorproben bekommt jedes Kind etwa alle zwei Wochen Gelegenheit zu dieser Einzelstunde bei einem der qualifizierten Gesangstrainer. Ziel ist es hier, das ganze Spektrum der Stimme auszuloten und zu erweitern.

Diese Woche ist Leo (7) an der Reihe. Flink läuft er durch die großen Hallen des Gebäudes bis zum Probenraum, in dem ihn schon Stimmbildner Thomas Grolms erwartet. Leo ist stolz, sich hier einmal im Mittelpunkt präsentieren zu dürfen und wünscht sich zum Vorsingen noch einmal „Shalom“. „Ich mag das Lied einfach, das handelt von Frieden auf der Welt und das sich alle vertragen.“ Leo singt mit Inbrunst und erreicht dabei erstaunliche Höhen. Auch Thomas Golms ist begeistert. „Super, Leo! Jetzt stell dir mal vor, dass du eine heiße Kartoffel im Mund hast, versuch mal damit zu singen!“ Auch mit Kartoffel klappt es wunderbar. Immer dabei im Einzelunterricht: der Spiegel als zweiter Stimmbildner. Körperhaltung und Körpergefühl sind grundlegende Bestandteile der Gesangsausbildung, bestätigt auch Stimmbildnerin Judith Kamphues, die sogar eine eigene Stimmbildungsfibel herausgebracht hat. Bei der Probe des Konzertchores, in dem Erwachsene und Jungen ab neun Jahren gemeinsam singen, kümmert sie sich um die etwas älteren Jungs. „Füße fest auf den Boden, die Zehen krallen sich in den Boden!“ weist sie den zwölfjährigen Johannes beim Unterricht an. An den kleinsten Nuancen wird hier gearbeitet, ebenso wie an den lautesten Tönen. „Schmeiß den Ton raus in die Knesebeckstraße!“

Die Kulisse der Probe ist ebenso beeindruckend wie der Gesang selbst. Die hohe, gewölbte Decke der Aula lässt die Stimmen des Chores noch lauter und kraftvoller klingen. Geübt wird hier ein Stück von Felix Mendelssohn Bartholdy. Der religiöse und doch etwas altertümliche Text hält die Jungen nicht davon ab, mit Konzentration und Hingabe zu proben. „Ich bin offen für alles“, verrät Johannes. „Das Lied hat so schöne Melodien, deshalb finde ich es schön.“ Textarbeit gehört immer zu den Proben dazu. „Wenn die Kinder den Text verstanden haben und einen Bezug herstellen, dann singen sie sofort mit Seele“, so Kai Uwe Jirka. „Wenn man weiß, was man singt, dann singt man ganz anders“, findet auch Johannes. Seit fünf Jahren singt er schon im Staats- und Domchor und probt mittlerweile dreimal die Woche. Angst bei großen Konzerten hat er mittlerweile keine mehr, auch in der Schule ist ihm das öffentliche Singen eine Hilfe. Mit Nervosität bei Referaten oder im Unterricht hat er kaum zu kämpfen. „Außerdem genießt man es immer wieder, wenn man auf der Bühne steht und den Applaus entgegennimmt!“ Am Chor schätzt er auch besonders den starken Zusammenhalt. „Es entwickeln sich so viele Freundschaften, jeder hat hier eigentlich einen Freund.“

Wieder zurück in der Probe stimmt auch er in Bartholdys Psalmengesang mit ein. Kai Uwe Jirka hat vom Klavier aus alle im Blick und hört auch noch die leisesten Töne heraus. Auch für Johannes ist er das Zentrum im Geschehen:“Ohne einen gewissen Herrn Jirka wäre das alles nur halb so lustig!“

Text: Antje Kölling

Offenes Vorsingen für Jungen ab fünf Jahren am 3. Juni, 15:00 Uhr im Joseph-Joachim-Konzertsaal. Termine für ein Vorsingen können aber auch jederzeit flexibel vereinbart werden

 

Staats- und Domchor Berlin

Knabenchor an der Universität der Künste Berlin

Bundesallee 1-12 | 10719 Berlin-Wilmersdorf | T: 31852357

www.staats-und-domchor-berlin.de

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