Stadt und Mensch zum Blühen bringen

STADTGESTALTEN München: Ein Baum, ein paar Blumen, dazu etwas grüner Rasen. Ein schöner Garten braucht nicht viel. Fehlen vielleicht noch Erdbeeren, saftige Tomaten oder die zarten blauen Blüten der Speiseerbse – schon ist das kleine heimische Paradies perfekt.

ella von der Haide

Ella von der Haide

Inga Kerbe Bienenkinder

Inga Kerbe

Ein Baum, ein paar Blumen, dazu etwas grüner Rasen. Ein schöner Garten braucht nicht viel. Fehlen vielleicht noch Erdbeeren, saftige Tomaten oder die zarten blauen Blüten der Speiseerbse – schon ist das kleine heimische Paradies perfekt. Jetzt ist Erntezeit und all die leckeren Sachen aus dem eigenen Garten landen auf dem Tisch und dürfen genüsslich verspeist werden.

Ein Paradies, das in den modernen Großstädten jedoch mehr und mehr bedroht wird. Denn die Ballungszentren werden immer größer – und die urbanen Gärten immer kleiner. „Das soll und darf nicht so weitergehen“, sagt Ella von der Haide. Sie bringt Städte, besonders München, wieder zum Blühen. „Nicht nur Kinder spielen gerne im Garten, laufen über die Wiese, bestaunen Regenwürmer und Blumen oder wühlen im Dreck herum. Auch Erwachsene brauchen diesen Raum“, meint Ella von der Haide, „ihr Spiel besteht zwar mehr aus Gartenarbeit, wie Unkraut zupfen. Aber das ist natürlich nicht alles.“

Für die Münchnerin hat urbanes Gärtnern weit mehr Facetten – ökologische, soziale sowie politische. Das drückt sich besonders in ihren Filmen aus. Vier hat Ella von der Haide bereits zu diesem Thema gedreht. Die Reihe trägt den Titel: „Eine andere Welt ist pflanzbar!“ So entstand 2003 Teil eins „Gemeinschaftsgärten in Buenos Aires“. 2006 folgte Teil zwei: „Gemeinschaftsgärten in Berlin“. Mit Südafrika (2007) und Nordamerika (2012) ging es weiter. 2014 soll der fünfte Teil folgen: „Gemeinschaftsgärten in Deutschland“.

In Großstädten wie München haben nur wenige Leute einen richtigen Garten vor oder hinter ihrem Haus – da sind „Gemeinschaftsgärten“ sehr wichtig. „Denn sie sorgen für Wohlbefinden und fördern eine gute Ernährung, ein friedliches Miteinander, lehren etwas über die heimische Pflanzen- und Tierwelt“, sagt von der Haide, die von 1995 bis 1996 Landschaftsarchitektur am College of Art in Edinburgh studierte. Darauf folgte bis 2004 ein Studium der Stadt- und Regionalplanung an der Technischen Universität Berlin. Seitdem zieht Ella von der Haide mit Filmkamera durch die Welt und versucht, den Großstadt-Menschen (klein wie groß) durch urbanes Gärtnern in Bewegung zu bringen. „Ich durfte als Kind mit der Super-8-Kamera meiner Eltern bereits kleine Filme drehen“, erzählt sie. „Das hat mir damals schon viel Spaß gemacht. Außerdem liebe ich Pflanzen und Tiere.“

In Pullach, am südlichen Rand von München, wuchs die Filmemacherin auf. Dort entstand ihr großes Interesse für Gärten und deren gesellschaftliche Bedeutung. „Wir hatten einen Garten, waren oft mit unseren Eltern in großen Parkanlagen unterwegs“, erinnert sie sich. Durch Bücher wie „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Judith Kerr oder den Film „Die Farbe Lila“ habe sie früh und schnell etwas über Ausbeutung und Unterdrückung von Menschen erfahren und gelernt.

Und urbanes Gärtnern ist für Ella von der Haide eine Form von Freiheit für Großstädter, richte sich gegen moderne Unterdrücker wie Neoliberalismus und kapitalistische Globalisierung. Die Filmemacherin arbeitet außerdem als Videokünstlerin, Stadtplanerin und Netzwerkerin. So hat sie für die Stadt München die Internetseite www.urbane-gaerten-muenchen.de gestaltet – dort erfährt man einiges über gemeinschaftliche Gärten und Gärtner in München. Auf www.eine-andere-welt-ist-pflanzbar.de geht es vor allem um internationale Gemeinschaftsgärten.

Die deutschen Großstädte profitierten bislang noch von ihrer Kleingarten-Kultur. Gerade auch München, das mit 4340 Einwohnern pro Quadratkilometer die höchste Bevölkerungsdichte aller deutschen Städte aufweist – Tendenz steigend! Außerdem sorge das Geld von internationalen Investoren immer öfter für neue Straßen, große Bürogebäude und breite Parkplätze. Da bleibt für Bäume und Blumenwiesen kaum noch Platz im urbanen Raum. „Neoliberale Politik wird bei uns immer dominanter“, meint von der Haide. Und so würden in Deutschland seit gut zehn Jahren verstärkt urbane Gemeinschaftsgärten entstehen. „Wir leben in einer Demokratie“, sagt sie und betont: „Die Stadt gehört uns, und dann gestalten wir sie auch.“

So gibt es allein in München 18 Krautgärten mit über 1000 Parzellen für urbane Gärtner, die von der Stadt München bereitgestellt werden. Dazu kommen 13 interkulturelle Gemeinschaftsgärten wie „o’pflanzt is“ beim Olympiapark, über 100 Schulgärten und drei Jugendfarmen, in Ramersdorf und Aubing, die wie eine Nachmittagsbetreuung fungieren.

Die „Pädagogische Farm“ in Berg am Laim ist in den Schulunterricht integriert. „Ein tolles Projekt, bei dem die Kinder zusammen kochen und selber Ziegelsteine herstellen“, sagt von der Haide und betont: „Viele Gärten bieten auch spezielle Familien- und Kinderprogramme an, die sehr gefragt sind.“ Die kleinen und großen Gärtner können da einen mobilen Barfußpfad bauen, ein kleines Sonnwendfeuer erleben, Wildbienen- Nistkästen bauen oder Vogelfutter selber herstellen. „Zu Beginn stören sich manche Kinder und Erwachsene noch am Dreck, Matsch und den Insekten im Garten“, sagt Ella von der Haide, „doch das vergeht schnell.“ Dann wird gelacht, gemeinsam gearbeitet und gepflanzt. Ein schöner Garten braucht eben nicht viel.

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Text: Sebastian Schulke

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