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STADTGESTALTEN Berlin – Die Journalistin, Filmemacherin und Kinderbuchautorin Myriam Halberstam hat mit dem Ariella Verlag den ersten jüdischen Kinderbuchverlag Deutschlands nach 1945 in Berlin gegründet und setzt sich für kulturelle Vielfalt ein.

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© Dominik Butzmann

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© Dominik Butzmann

Myriam Halberstam beschreibt sich selbst augenzwinkernd als eine echte Renaissancepersönlichkeit – soll heißen: Sie macht gern alles, gern auch alles auf einmal, sie ist vielseitig interessiert, talentiert und engagiert. Vielfalt ist ohnehin das Stichwort, das einem im Gespräch mit ihr sofort in den Sinn kommt.

Als jüdische Amerikanerin in Deutschland aufgewachsen, mit Stationen in New York, Köln und Tel Aviv, lebt sie seit 1998 in Berlin und versucht, die Vielfältigkeit des Judentums in Deutschland zu zeigen und zu platzieren. Ein weiteres, ihr mindestens genau so zentrales Anliegen ist es, Eltern zu ermutigen, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, mehr für sie da zu sein, ihnen zuzuhören und – ganz wichtig – ihnen von Klein auf vorzulesen! Da sie selbst diesen Anspruch hegt und wirklich ernst nimmt, hat sie ihren eigentlichen Beruf als Dokumentarfilmen auf Eis gelegt, als ihre beiden Töchter zur Welt kamen und viel Zeit zum Vorlesen da sein musste. „Allerdings habe ich dann schnell gemerkt, dass es für meine Töchter auf Deutsch keine Kinderbücher zu jüdischen Themen gab, die spannend, witzig und modern waren und kleine Kinder ansprechen. Und dann habe ich mir gedacht, ich schreibe jetzt selbst was!“

Gesagt, getan. Auch um Titeln wie „Conny feiert Weihnachten“ etwas entgegenzusetzen, schickte Myriam Halberstam ihre erste jüdische Kindergeschichte an den Carlsen Verlag, gleichzeitig mit der Idee, dass man in diesem Stil für alle Kulturen in Deutschland jeweils ein Buch schreiben sollte. Um integrierend zu wirken, damit auch Migranten etwas über ihre Kultur auf Deutsch lesen könnten, die Deutschen gleichzeitig etwas über die anderen Kulturen erfahren würden und schließlich auch, um mit diesen Geschichten die Leselust zu schüren bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Sie hatte Erfolg – aus ihrer Idee wurde die neunbändige und sehr erfolgreiche Reihe „Alle Kinder dieser Welt“ mit Titeln wie „Yuki kommt aus Japan“, „Lena feiert Pessach mit Alma“ oder „Huda bekommt ein Brüderchen“. Um aber möglichst schnell, solange ihre eigenen Töchter noch im Vorlesealter waren, noch weitere Werke mit den ihr besonders am Herzen liegenden jüdischen Themen veröffentlichen zu können, brachte Myriam Halberstam ihr Bilderbuch „Ein Pferd zu Chanukka“ kurz darauf im Eigenverlag heraus – in ihrem 2010 eigens dafür gegründeten Ariella Verlag.

Wunderschön illustriert von Nancy Cote wird darin das jüdische Lichterfest auf humorvolle Art und Weise beleuchtet, in dem das hebräisch sprechende Pferd Golda die Bräuche und Rituale des Chanukka Festes im wahrsten Sinne des Wortes zertrampelt. Golda zerstört nicht nur den Dreidel, ein traditionelles jüdisches Kreiselspiel, sie frisst auch alle Latkes, also die in sehr viel Öl gebratenen Kartoffelpuffer auf einmal auf, verbrennt sich den Schweif an der Kerze im Chanukka-Leuchter und hinterlässt ihre Äpfel im Kinderzimmer. Wer also schon immer mal wissen wollte, wie Chanukka gefeiert wird oder besser gesagt, werden könnte – unbedingt vorlesen! Oder im Dezember zu einer der Lesungen ins Jüdische Museum Berlin gehen.

Mit diesen Lesungen bringt sie nicht nur ihre Bücher, sondern vor allem auch die jüdische Kultur den Berlinern nahe: „Das ist für mich ganz wichtig. In New York ist das Judentum Teil des Mainstream. Und in Deutschland nicht, verständlicher Weise auch durch diese furchtbare Geschichte, die ich auch überhaupt nicht ausklammern will und wobei ich es ganz wichtig finde, dass man sich daran erinnert, dass man aber trotzdem diese Berührungsängste mit dem heutigen Judentum nicht beibehält. Weil es einfach auch etwas mit Respekt zu tun hat gegenüber den anderen Kulturen, die in Deutschland leben.“ Vom Wimmelbuch ohne Sprache, über Bilderbücher bis hin zu Kinder- und Jugendromanen – alle Bücher, die mittlerweile im Arielle Verlag erscheinen, beschäftigen sich thematisch mit der jüdischen Kultur und der jüdischen Geschichte. Der neuste Titel „Und frei bist du noch lange nicht“ von der Kölner Autorin Adriana Stern, trifft absolut den Zeitgeist.

Er basiert, wie die meisten Geschichten des Verlags, auf authentischen Erlebnissen. Er beleuchtet aber auch, ganz im Sinne der Verlegerin, andere Kulturen und zudem das hochaktuelle Thema der Flüchtlinge in Deutschland. „Da geht es um Flüchtlinge aus Syrien, Flüchtlinge aus Aserbaidschan, eine Familie davon ist jüdisch, und darum, wie sie in Deutschland ankommen, wie sie ihr Ankommen empfinden. Und wie sie die Unterschiede überbrücken, die ja heute auch wieder ein Thema sind hier. Es geht ebenso um Antisemitismus, auch von der syrischen Seite her, und wie man damit umgeht, wie man die Syrer integrieren kann und so weiter ... Aber alles eben spannend verpackt, mit einer kleinen Detektivgeschichte,in der es um gestohlene Pässe geht. Also, ich versuche nicht dem Trend hinterher zu laufen, sondern ich mache Sachen, die mir wichtig sind. Und diese Flüchtlingssituation und wie wir in Deutschlanddamit umgehen, ist eben auch sehr wichtig!“ Mit diesem kulturübergreifenden Buch knüpft Verlegerin Myriam Halberstam gewissermaßen an ihre eigene erste Buchidee „Alle Kinder dieser Welt“ an – damit schließt sich ein Kreis. Und auch ihre Töchter sind mittlerweile Teenager – die Zeit für einen neuen Dokumentarfilm von ihr scheint also ebenfalls reif.

Verlagsprogramm unter: www.ariella-verlag.de
Lesungen „Ein Pferd zu Chanukka“ im Jüdischen Museum Berlin, nächste Termine: 11. und 29.12.2016, jeweils 11:00-13:00, www.jmberlin.de

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