Familie im Kinderdorf

STADTGESTALTEN BERLIN: Jana Marie Schwarz hat für uns die SOS Kinderdorfmutter Birgit Kramm besucht, die mit sechs Kindern in Berlin-Moabit lebt.

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© Dominik Butzmann

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© Dominik Butzmann

In einer schön renovierten Backsteinremise, mit einem kleinen Garten samt Spielgeräten, wohnt die SOS-Kinderdorf-Familienmutter Birgit Kramm. Ihre Kinderdorffamilie ist eine von vieren in Berlin Moabit. Hier leben insgesamt sechs Kinder. Fast jedes hat sein eigenes großes helles Zimmer, nur zwei Mädchen teilen sich eins. Es hängen Fotos und Poster an den Wänden. Bücher, Spielzeuge oder Fußballschuhe liegen auf dem einen oder anderen Teppich herum. Fahrradhelme stapeln sich im Flur. Eine typische Familienlandschaft, nur etwas größer und zugegeben, auch etwas ordentlicher. In der am Wohnbereich angrenzenden Küche wird gerade gekocht und Wäsche aufgehängt, jedoch nicht von Birgit Kramm, sondern von einer Wirtschaftskraft und einer Praktikantin.

Die Familienmutter kommt mit einem vierjährigen Jungen zur Tür herein. Das Kleinste der sechs Kinder ist heute Mittagskind und bester Laune. Nach dem Schuhe ausziehen rennt er in sein Kinderzimmer und bittet Birgit Kramm eine Nanosekunde später, ihm aus dem mitgebrachten Polizeibuch vorzulesen. Die Mitte vierzigjährige blonde Berlinerin lebt seit 1986 in Moabit. Als sie sich 2002 für die SOS-Kinderdorffamilien zu interessieren beginnt, hat sie bereits achtzehn Jahre in Tiergarten und Moabit als Erzieherin mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet.

Für die damals 38jährige ist die Familienplanung zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen, sie ist Single und hat keine eigenen Kinder. Birgit Kramm beschäftigt sich mit der Arbeit der SOS-Kinderdörfer und begeistert sich mehr und mehr für die Idee. Nach einem Jahr Bedenkzeit zieht sie 2003 dann als Familienmutter in die Remise. Seit 1955 gibt es in Deutschland die SOS-Kinderdorffamilien. In einer Familie lebt immer eine ausgebildete Erzieherin oder eine Sozialpädagogin wie eine Mutter mit den Kindern zusammen.

Frau Kramm ist zum Beispiel fünf Tage und Nächte bei den Kindern in der Remise und hat danach zwei Tage und Nächte frei, an denen sie in ihrer eigenen Wohnung wohnt. Außerdem arbeiten immer ein Erzieher in Vollzeit und eine weitere Erzieherin mit 20 Stunden im Schichtdienst in der Familie. Zusätzlich gehört zu jeder Kinderdorffamilie noch eine Hauswirtschaftskraft mit ebenfalls 20 Stunden und teilweise auch FSJler oder Praktikanten. In der Regel leben sechs Kinder in einer Familie. Wenn Große aus dem Haus gehen oder Kinder in ihre Ursprungsfamilien zurückgeführt werden, können es auch zeitweilig weniger sein.

Die Kinder werden von Geburt an bis maximal zum zwölften Lebensjahr angenommen. „Meist kommen die Kinder aus Elternhäusern, in denen die Eltern über einen langen Zeitraum mit so vielen Problemen belastet sind, dass sie sich irgendwann nicht mehr um ihre Kinder kümmern können“, sagt Birgit Kramm. „Dann nimmt das Jugendamt den Eltern die Kinder ab.“ Viele Eltern behalten jedoch das Sorgerecht oder zumindest ein Teilsorgerecht. Das Fernziel von SOS ist immer, dass die Kinder wieder in ihre Ursprungsfamilie zurückkehren. Deshalb sollen auch die Eltern unterstützt und der Kontakt der Kinder zu den Eltern gefördert werden.

Finanziert werden die Kinderdorffamilien vom Bundesland. Pro Kind und abhängig vom Alter erhält der Träger SOS-Kinderdorf einen Tagessatz und übernimmt alle Verwaltungsaufgaben. Das Jugendamt ist in den meisten Fällen Vormund. Alle Aufgaben des täglichen Lebens klären die Familienmutter Birgit Kramm und ihre Kollegen. Kita, Schule, Gesundheit, Hobbies sowie die unterschiedlichen Bedürfnisse von sechs Kindern, da gibt es viel zu organisieren und zu entscheiden.

„Es ist wichtig, dass das Team eine Einheit ist, dass alle den roten Faden im Blick behalten. Gerade bei Konflikten dürfen sich die Erwachsenen nicht spalten“, sagt die Familienmutter von einem vierjährigen Jungen, zwei zehn Jahre alten Mädchen, einem elfjährigen Mädchen und einem elfjährigen Jungen, sowie einem dreizehn Jahre alten Mädchen. Vier der Kinder sind leibliche Geschwister. Seit acht Jahren leben die Großen, seit drei Jahren auch der Kleine in der Familie und es macht heute unter den Kindern keinen Unterschied mehr, woher sie kommen. Sie empfinden sich alle als Geschwister.

Zwei Schwestern kommen gerade aus der Schule. Die zehn- und elfjährigen Mädchen laden ihre Ranzen ab, waschen sich die Hände und kommen zum Mittagstisch. Der vierjährige Junge ist blitzschnell bei ihnen und eröffnet eine Süßigkeitentauschbörse. Am Nikolaustag dürfen die Kinder auch mal vor dem Mittagessen naschen. „Gerade in der Anfangszeit genießen die Kinder die Verlässlichkeit und Stabilität der Kinderdorffamilie. Alleine schon durch regelmäßige Mahlzeiten“, sagt Birgit Kramm.

Die Familienmutter macht einen sehr souveränen Eindruck. „Es braucht viel Zeit, bis man bei jedem einzelnen Kind begreift, warum es wann wie reagiert. Die Kinder sind alle unterschiedlich und die Probleme sind es auch.“ Trotz der großen Anforderung hat Birgit Kramm nie das Gefühl, überfordert zu sein, dank der guten Zusammenarbeit im Team. Sie freut sich auch, dass sich der Kiez in Moabit positiv verändert und sich das Angebot für Kinder erweitert.

Die Freunde der Kinder haben schon längst ihre erste Scheu überwunden und kommen gerne auch für Übernachtungsbesuche. Die Kinderdorffamilie ist ein offenes, aber geschütztes Zuhause. Natürlich bekommt auch Birgit Kramm Besuch von Freunden und Familie und sie nimmt die Kinder gerne mal zu privaten Anlässen mit. Einmal im Jahr fahren alle Kinder mit allen Erziehern in die Ferien. Heiligabend und Geburtstage feiern sie zusammen.

Genannt wird die Familienmutter von ihren Kindern Birgit. „Am Anfang hätte ich es vielleicht auch toll gefunden, wenn sie Mama sagen“, sagt Birgit Kramm. „Für die Elternarbeit ist das mit Vornamen aber besser. Das wäre sonst verletzend.“ Dass die Anrede eher nebensächlich ist und starke Bindungen trotzdem wachsen, weiß sie heute. Mit den ehemaligen Kindern, die bereits aus dem Haus sind, hat Birgit Kramm noch immer Kontakt.

Text: Jana Marie Schwarz

Das SOS-Kinderdorf Berlin-Moabit ist das erste SOS-Kinderdorf in einer deutschen Großstadt. Neben den Kinderdorffamilien haben in der Waldstraße seit 2005 viele weitere Angebote für Kinder, Jugendliche und Familien ihren Platz gefunden: eine Kita mit 70 Plätzen, Familienbildung, Erziehungs- und Familienberatung, Familientreff und Kooperationen mit Schulen im Kiez. Weitere Informationen unter www.sos-kd-berlin.de

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