EINE MUT-MACH-GESCHICHTE

STADTGESTALTEN Berlin: Cabuwazi – Der größte Kinder- und Jugendzirkus Europas wird 20 und braucht heute wie zu Gründungszeiten bürgerschaftliches Engagment. Britta Niehaus war von Anfang an dabei.

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© Hardy Berthold

STADTGESTALTEN Berlin: EINE MUT-MACH-GESCHICHTE

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STADTGESTALTEN Berlin: EINE MUT-MACH-GESCHICHTE

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Britta Niehaus ist nie zu Haus. Die meiste Zeit verbringt die quirlige und charismatische Sozialpädagogin im Cabuwazi in Treptow. Sie ist hier das, was ihre Tochter stolz die Zirkusdirektorin nennt. Britta war von Anfang an Feuer und Flamme für den Kinderzirkus. Vor 15 Jahren fand sie hier einen Ort, an dem Kindern und Jugendlichen vermittelt wird, dass in ihnen ganz eigene Fähigkeiten schlummern, die der Schlüssel für ein gesundes und selbstbestimmtes Leben sind.

„Diese Erfahrung habe ich selbst gemacht und das wollte ich unbedingt weitergeben.“ sagt sie. Beim Cabuwazi werden den Kindern nicht nur persönliche Erfolgserlebnisse und Selbstvertrauen vermittelt, sondern auch soziale Kompetenzen wie Verantwortungsbewusstsein, Teamgeist und Fairness gefördert. „Ich habe über die Jahre oft miterlebt, wie Kinder sich hier wirklich verändert haben. Die kamen als kleine verunsicherte Menschen zu uns und erlernten akrobatische Kunststücke, die ihnen keiner zugetraute hätte, am wenigsten sie selbst. Das berührt, und deshalb ist der Zirkus für mich bis heute eine hochemotionale Angelegenheit und nicht einfach nur ein Job.“

Brittas Augen leuchten wenn sie von den Kindern spricht, von den Vorstellungen und den vielen Menschen, die Anteil nehmen und mit großem Engagement den Cabuwazi unterstützen. „Ohne unsere vielen Helfer, Praktikanten, Co-Trainer und Nachbarn würde das alles nicht funktionieren.“

Im Cabuwazi Treptow trainieren heute ca. 350 Kinder in offenen und festen Gruppen ganz unterschiedliche Zirkusdisziplinen. Hinzu kommen viele Workshops für Schulklassen, die Cabuwinzig-Gruppen, Ferienkurse, internationale Begegnungen und natürlich die Zirkus-Vorstellungen: „Das sind großartige Erfahrungen, die die Kinder stark und selbstbewusst machen.“

Angefangen hat alles – wie so vieles in dieser Stadt – in einem Kreuzberger Hinterhof. Eine Handvoll Kinder erfanden vor 20 Jahren mit ihren Einrädern einen eigenen Zirkus. Chaotisch sollte er sein! Bunt sollte er sein! Und ein Wanderzirkus sollte es sein! ChAotisch-BUnter-WAnderZIrkus: CABUWAZI. Heute ist er der größte Kinder- und Jugendzirkus Europas und feiert in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag. An fünf Standorten trainieren jede Woche 650 Kids und das grundsätzlich kostenlos.

Als Britta Niehaus 1999 das erste Zelt auf dem ehemaligen Mauerstreifen zwischen Kreuzberg, Treptow und Neukölln übernimmt, gibt es viel zu tun. Auch die „Standortfrage“ steht damals schon im Raum. Der Cabuwazi ist vom Bezirk nur als Zwischennutzer der Freifläche eingeplant und als der erste Investor vor der Tür steht, wird die Sache ernst. Die Stadt braucht das Geld, einen anderen Platz gibt es nicht, der Zirkus steht vor dem Aus.

Doch was dann passiert, ist ganz und gar unüblich und grenzt für Britta auch heute noch an ein Wunder. Als die Pläne bekannt werden, gehen sehr viele Eltern, Lehrer, Erzieher, Kulturschaffende und Unterstützer vom Cabuwazi auf die Barrikaden. Weil klar wird, dass der Bezirk keine adäquate Alternative anbieten kann, gibt es eine Versammlung im Zelt, die einstimmig beschließt: „Wir wollen bleiben!“ Die Eltern organisieren sich daraufhin, gründen eine Initiative mit dem Namen „Cabuwazi soll bleiben!“ und werden unheimlich aktiv.

„Die sind damals in alle Gremien des Bezirks gegangen, haben die Presse mobilisiert, waren auf Bürgerfesten präsent, haben 2200 Unterschriften gesammelt und über eine lange Zeit gezeigt, wir bleiben am Ball, uns werdet ihr nicht los. Dem Bezirk wurde irgendwann klar, das sind hier nicht eine Handvoll Eltern, sondern durch die ganze Öffentlichkeitsarbeit wurden es immer mehr Unterstützer.“ erzählt Britta.

Auch der Investor beginnt, das Problem ernst zu nehmen und gemeinsam mit der Politik nach Lösungen zu suchen. „Und dann waren sich unglaublicherweise alle Fraktionen mal einig, Cabuwazi ist ein Leuchtturmprojekt, das wollen wir erhalten. Da kriege ich heute noch Gänsehaut, weil ich das ehrlich gesagt nicht für möglich gehalten habe, dass die Politiker alle mal ihre Befindlichkeiten außen vor lassen, um gemeinsam den Zirkus zu erhalten.“ Im Ergebnis nennt der Cabuwazi Treptow  heute knapp 2000 Quadratmeter Fläche sein Eigentum und damit wurde ein Kulturstandort geschaffen, dessen Nutzung für Kinder- und Jugendarbeit festgeschrieben ist.

Ob so ein Wunder auch heute noch möglich ist, das entscheidet sich dieser Tage beim fünften Standort von Cabuwazi shake! am Ostbahnhof. Hier bangen über 2000 Kinder und Jugendliche um ihre Zirkuskuppel. Die übermächtige „Mediaspree“ umzingelt dort das kleine Zirkuszelt.  Die Investoren und die Berliner Politik  stehen erneut in der gesellschaftlichen Verantwortung, ihren Beitrag zu leisten für Kids, die hier schon zu Hause waren, bevor man ihnen Firmenzentralen vor die Nase gebaut hat. Die Parole lautet auch 2014: Cabuwazi soll bleiben!

Der Zirkus hat fünf Standorte in Treptow, Kreuzberg, Friedrichshain, Alt-Glienicke und Marzahn. Alle Cabuwazi-Zelte bieten kostenlos mindestens zweimal wöchentlich ein offenes Training für alle Kinder zwischen 9 und 18 Jahren. Veranstaltungen zum Jubliläum finden im Oktober „Die große Benefiz-Geburtstags-Gala“ und Dezember „Manegenzauber: ZirkUtopia – 20 Jahre Cabuwazi“. www.cabuwazi.de

Text: Anna Korehnke, KUKKMA
Fotos: Hardy Berthold, www.hardyberthold.de

 

 

 

 

 

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