Die Grüne Hölle

Unser Kolumnist Christoph Bauer wird dank seiner Töchter zum Botaniker.

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Am Wochenende ist es wieder so weit, dann werden wir uns mit unserem unklimatisierten Auto wieder in den Stau stellen und schwitzend aus der Stadt kriechen. Raus ins Grüne, aufs Land, in die Uckermark, Hurra. Von wegen Hurra, vor den Toren der Stadt wartet die grüne Hölle, eine Welt voller Gefahren, unberechenbarer Kreaturen und aggressivem Grünzeug. Nun gehöre ich eigentlich nicht zu den Eltern, die sich schnell ängstigen. Schon während der Schwangerschaft meiner Frau, habe ich versucht, mich nicht von den freundlich formulierten Angstvisionen der Ultraschall-geilen Frauenärztin anstecken zu lassen. „Sie wollen doch ganz sicher sein, dass es Ihrem Kind an nichts fehlt?!". Mit solchen Scheinheiligkeiten lässt sich ordentlich Geld verdienen, hier noch ein 3D-Ultraschall, da noch eine Fruchtwasseruntersuchung, später dann Sagrotan-Wettrüsten, Nahrungsergänzungsmittel, Impfungen, Zusatzversicherungen, Kinderyoga und großes Latinum.

Nein, da mache ich nicht mit. „Lass sie ordentlich Dreck fressen, das ist besser als jede Impfung“ höre ich noch meinen Großvater poltern. An den Wochenenden im Grünen haben meine Töchter reichlich Gelegenheit dazu. Und bisher war ich immer davon ausgegangen, dass es für die Gesundheit meiner Kinder zuträglicher ist, Landdreck anstelle von Stadtdreck zu fressen. Doch Kinder langweilen sich schnell, sind neugierig, entwickeln sich weiter, werden anspruchsvoller. Während sie sich vor ein paar Jahren noch genügsam Kiesel und Erdkrumen einverleibt haben, werden inzwischen raffinierte Rezepturen aus einer immer größer werdenden Anzahl von Zutaten kreiert. Wer kann da noch überblicken, was sie sich neben selbstgepunchten Klee- und Gänseblümchencocktails sonst noch alles reinpfeifen. Gezwungenermassen habe ich ein gewisses Interesse für die Pflanzenkunde entdeckt. Als meine Kleine beim Versuch, einen Stock nach der Großen zu werfen, mit dem Gesicht in einem Wald aus Brennnesseln landete, bekam ich einen ziemlichen Hals auf die liebe Mutter Natur. Wenn die Tochter vor Schmerzen in Tränen erstickt, wird der Vater zum Tier. Was sind das denn für Fisematenten, meiner geliebten Tochter ein Heer aus mit Gifthärchen bewaffneten Pflanzen in den Weg zu stellen. Wäre diese Natur ein Mensch, würde ich ihr dafür glatt die Fresse polieren oder zumindest damit drohen. Kurz darauf stieß ich bei meinem Buchhändler über einen Titel von Amy Steward: „Gemeine Gewächse“. Akkurat beschreibt die Autorin, welch fiese Typen in Wiesen und Wäldern so rumlungern.

Conium Maculatum etwa, auch Gefleckter Schierling genannt, kommt aus derselben Familie wie Dill, Sellerie, Fenchel und Petersilie. Dieses Kraut sieht auch recht appetitlich aus und könnte ob seiner anspre- chenden Erscheinung durchaus den Weg in die Cocktailküche meiner Kinder finden. „Hier Papa, haben wir für dich gekocht. Pro- bier mal“. „Herzlichen Dank, mein liebes Töchterlein, welch köstlicher Trunk, mjam, mjam“. Doch mit genau so einem Schierlingsgesöff wurde 399 v. Chr. der große gottlose Philosoph und Jugendverderber Sokrates hingerichtet. Nun mag man die geistigen Leistungen dieses unbeugsamen Denkers und Redners noch so sehr schätzen, ihm deshalb in aller Konsequenz nacheifern? Niemals! Vielleicht wäre es ja doch besser, die Kinder am Wochenende in einem Kleingarten zu halten, in dem genau das wächst, was dort wachsen darf. Brennnesseln und Conium Maculatum hätten laut Kleingartenordnung Hausverbot, der Rasen wäre gut durchlüftet und die Hecke auf 1,25 m gestutzt. Die Plastikstühle und Gartenzwerge wären Sagrotan-geleckt, die Kinder überversichert und haltbar geimpft. Abends lägen Deutschländerwürstchen auf dem Elektrogrill und der DVBT-Empfänger würde uns die gepflegte Schrumpfidylle mit Mario Barth-Kalauern durchdüngen. Oh ja, die grüne Hölle hat viele Gesichter. Und es gibt kein Entkommen, nur Hoffen.

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