Abgeschleppt

HIM – Die Vaterkolumne – Interessantes aus dem Leben eines Vaters. Unser Kolumnist Christoph Bauer hängt an seinem Oldtimer.

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Angeblich verliert das Auto als Statussymbol zusehends an Bedeutung. Im Gegensatz zu den großen Autoherstellern finde ich diese Entwicklung sehr positiv. Nicht nur, dass das gut für unsere Umwelt und den Weltfrieden im Allgemeinen sein dürfte. Ich hoffe insgeheim auch, dass sich dadurch die Parkplatzsituation in unserer Nachbarschaft ein wenig entspannt. Denn auch wenn das Auto als Statussymbol in meiner Familie zusehends an Bedeutung verliert, ich liebe mein Auto, meinen Oldtimer.  Doch weder meine Frau noch meine beiden Töchter teilen meine Leidenschaft für historische Fahrzeuge.

Dass unser über 30 Jahre alter Mercedes (123er T-Modell, 230) wegen seines  unkaputtbaren Motors Automobilgeschichte geschrieben hat, interessiert sie nicht die Bohne. Auch ihre Begeisterung für die Eleganz der verchromten Dachreling hält sich meistens in Grenzen. Stattdessen meckern sie unablässig über die schwerfälligen Fensterkurbeln, über die Sicherheitsgurte, die sich ständig verdrehen, und über den eigenwilligen CD-Player, der sich weigert, ihre verkratzten Silberscheiben abzuspielen. Doch letzte Woche wurde dieses familiär umstrittene Schmuckstück auf vier Rädern von einer Bande Halsabschneidern geraubt. Nach einer achtstündigen, super anstrengenden, verregneten und verstauten Autofahrt hatte ich mich außer Standes gesehen, länger als eine halbe Stunde nach einem legalen Abstellplatz zu suchen. Um zwei Uhr morgens hatte ich den Wagen in einer Ecke des riesigen Supermarkt-Parkplatzes abgestellt, nur einen Steinwurf von unserer Haustür entfernt. Als ich um zehn Uhr wiederkam, war er weg. Ja, ich weiß, dass man da eigentlich nicht parken darf und ja, ich habe die Schilder gesehen, die mit der Verschleppung widerrechtlich abgestellter Fahrzeuge drohen.

Aber mir für diesen moralisch doch sehr überschaubaren Fehltritt 300 Euro abknöpfen zu wollen, empfinde ich als unangemessen. Meine Töchter übrigens auch, besonders „weil das Auto doch schon ganz alt ist“. Außerdem bin ich Stammkunde, außerdem wollte ich auch an diesem Tag dort einkaufen, außerdem geht man doch so nicht mit seinen Nachbarn um, auch nicht, wenn man eine Supermarktkette ist. Als ich dann auch noch erfuhr, dass man mir den Standort meines Autos erst dann mitteilen würde, wenn ich bezahlt habe, und zwar cash, fühlte ich mich vollends abgezogen, genötigt und erpresst. Nun gehört Wut wahrlich nicht zu den Gefühlsregungen, die mir regelmäßig den Tag versauen würden. Aber diesmal hat sie mich erwischt, volle Pulle und sie hat mir den Tag versaut, und zwar so richtig.

Auch meine Töchter bestärkten mich in meiner Haltung, die 300 Euro Lösegeld auf gar keinen Fall bezahlen zu wollen. Aber sich stattdessen aufs Fahrrad zu schwingen und die Umgebung nach meinem angerosteten Entführungsopfer abzusuchen, war
dann doch nicht ganz in ihrem Sinne. Vier Tage lang verbrachte ich jeweils drei wutschnaubende Stunden auf dem Sattel meines Herrenrads, vier Tage lang war ich der festen Überzeugung, ich könne den Nepperschleppern ein Schnippchen schlagen und vier Tage lang hofften meine Töchter, sie würden den alten Karren nie wieder sehen. Am fünften Tag gab ich auf. Ich bezahlte die 300 Euro und bekam dafür mitgeteilt, dass man den Wagen am äußersten nördlichen Stadtrand in einer Seitenstraße abgestellt hatte. Aber dafür nur ein paar Gehminuten von der S-Bahnstation entfernt – Danke.

Nun sind wir wieder glücklich vereint. Und ein glücklicher Supermarktbetreiber kann sich morgens an seinem leeren Kundenparkplatz erfreuen, eine zufriedene Abschleppunternehmer-Gattin kann ihren Kindern ein warmes Mittagessen servieren, und ein vereinsamter nördlicher Stadtrandbezirk wurde zum Schauplatz eines herzerweichenden Wiedersehens. Nur meine Töchter, die sind wütend – wegen der Fensterkurbel, des Sicherheitsgurts, des CD-Players. Und überhaupt: Oldtimer sind als Statussymbol völlig überbewertet, finden sie.

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